Handbuch 5. Auflage
212 H. Thiersch Bildungsinstitutionen und der damit einhergehen- den notwendigen neuen Bestimmung des Verhält- nisses zu Alltag und Alltagsbildung gewinnt Bil- dung in der Moderne ihre spezifische Gestalt der Vergesellschaftung. Formale Bildung in der Schule Ausbau und Differenzierung der scholarisierten Bildung (Baumert 2002; Fend 2006) stehen im Horizont der Ansprüche, den Herausforderungen der Wissensgesellschaft zu entsprechen und soziale Gerechtigkeit zu befördern. In der Wissens- und Informationsgesellschaft – und angesichts der zu- nehmenden Bedeutung abstrakten Wissens – ist Schule selbstverständliche Voraussetzung für die Gestaltung des Lebens in der Arbeitswelt, der Öf- fentlichkeit, der Politik und im Raum des Privaten. Schulpflicht wird allgemein, die in der Schule ver- brachte Zeit expandiert, die Zeit des Heranwach- sens wird Schulzeit. Jenseits der Zufälligkeit und Situationsabhängigkeit des informellen Lernens im Alltag werden Bildungsprozesse curricular und systematisch strukturiert und im Anspruch eines vielgestaltig gegliederten Weltbildes begründet. Spezifische Methoden zur Vermittlung von Welt- wissen und Weltbild werden ausgebaut, schulbezo- gene soziale Kompetenzen und Motivationen wer- den gefördert. Der Kanon des Weltwissens wird didaktisch strukturiert und die spezifische Kultur der Schule etabliert sich. Im Horizont des für die zweite Moderne reformu- lierten Projekts Bildung entwickelt Schule in diesen Aufgaben zunehmend neue Profilierungen. Im neuen Gewicht von Bildung als Selbsttätigkeit und Selbstbildung wird Lernen des Lernens zunehmend wichtiger. Jenseits des traditionell für die Schule charakteristischen Verständnisses von Bildung vor- nehmlich als Beherrschung eines Bildungskanons wird die Frage nach allgemeinen Kompetenzen, in denen sich das Lernen des Lernens realisieren kann, zentral. Ebenso zentral wird die Individualisierung von Lernprozessen. Parallel dazu ergeben sich in der Präsentation des Weltwissens neue Aufgaben für die Orientierung in der Unübersichtlichkeit: Prinzipien eines exemplarischen Lernens, das die Vielfältigkeit möglichen Wissens strukturiert, rü- cken in den Vordergrund. Lernen wird in Projekten organisiert. Daneben aber wird – wenn auch zö- gernd – die Repräsentation des Weltwissens aus- gedehnt auf jene Bereiche, die für die Orientierung der gegenwärtigen Gesellschaft wichtig sind, also z. B. auf Wirtschaft, Gesundheit und Recht (Rich- ter 2001). Schule erweitert ihr Programm zu einer weiter gefassten Bildung in Bezug auf Konfliktver- halten, Umgang mit Gefühlen und lebensprakti- schen Aufgaben. Diese Erweiterung hat Bedeutung auch im Zusam- menhang mit der anderen zentralen Aufgabe von Schule, durch die Angebote der formalen Bildung soziale Gerechtigkeit zu befördern. Schule sieht den Menschen nicht bestimmt in den Ungleichheiten gegebener Alltagsverhältnisse, also in den Bedin- gungen von Klasse und Schicht, sondern – davon gleichsam abstrahiert – in seiner individuellen Lern- und Leistungsfähigkeit. Der Erwerb schulischen Wissens versteht sich so als ein Weg, Gleichheit in der Gesellschaft zu befördern. Als Ausweis schu- lischer Leistungsfähigkeit werden Zeugnisse und Zertifikate zum Instrument der gerechten Zuwei- sung von Positionen im Arbeits- und Gesellschafts- leben. Diese Intention der Beförderung von Ge- rechtigkeit durch Bildung aber erfüllt das Bildungswesen nur sehr bedingt. Die formale Leis- tungsgerechtigkeit verdeckt die in den Lebensver- hältnissen der alltäglichen Bildung gegebenen Un- gleichheiten. In der selektiven Schulstruktur, den Zulassungsregelungen und in den internen Leis- tungsstandards werden soziale Ungleichheiten ver- festigt. Daneben aber hatte sich Schule in ihrer spezifischen Konzentration auf die Vermittlung von Informationen und kognitiven Kompetenzen bisher zu wenig auf die Förderung der informellen Lern- prozesse und alltäglichen Lebenskompetenzen ein- gelassen; sie waren vorausgesetzt und damit auch die in ihnen gegebenen Ungleichheiten und Be- schränkungen. Die gegenwärtig vorangetriebene Erweiterung ihres Lernprogramms bietet der Schule Chancen dagegen anzugehen. Die beiden neuen Aufgaben, die Neustrukturie- rung des Bildungsprogramms und die Kompensa- tion von Bildungsarmut, bedingen neue Formen der Schulorganisation. In der Ganztagsschule oder der Gesamtschule entstehen Räume für diese er- weiterten Aufgaben, Schule versteht sich als Haus des Lernens. In diesen Erweiterungen bleiben die Möglichkeiten von Schule verwiesen auf andere Bildungszugänge der non-formalisierten und informellen Bildung.
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