Handbuch 5. Auflage

Bildung 213 Hier wird Schulsozialarbeit etabliert, neue inter- fachliche Teamkonstellationen entstehen und die Zusammenarbeit mit Vereinen wird intensiviert. Besonders wichtig wird die Zusammenarbeit mit den Eltern und die Orientierung am Gemeinwe- sen. Non-formalisierte Bildung in der Sozialen Arbeit Non-formalisierte Bildung zielt auf Unterstützung und Hilfe in Problemen der Lebensbildung, wie sie sich im Horizont des reformulierten Bildungspro- jekts an Demokratisierung und Orientierung er- geben. Non-formalisierte Bildung repräsentiert sich in einer weiten, unübersichtlichen Landschaft, mit unterschiedlichen Trägerschaften in den sehr unterschiedlichen Formen z. B. der Erwachsenen- bildung, der ständig expandierenden Medienland- schaft und der Sozialen Arbeit. Diese soll hier exemplarisch dargestellt werden, auch deshalb, weil in ihr Herausforderungen der zweiten Moderne und Chancen im Horizont des reformulierten Pro- jekts Bildung besonders deutlich werden können (Thiersch 2008; Otto / Rauschenbach 2008). Soziale Arbeit ist bis in die Mitte des vorigen Jahr- hunderts praktiziert worden als besondere Hilfe für Menschen in besonderen Notlagen; neben den Praktiken der Disziplinierung, Stigmatisierung und Anpassung an die geltenden Normen war sie, jedenfalls in ihrem Selbstanspruch, immer auch orientiert am Projekt Bildung, also an einer Bil- dung, in der der Mensch Anerkennung vor anderen und vor sich als Werk seiner selbst erfahren soll. Im Zug der Herausforderungen der Moderne, der Demokratieansprüche gerade für Benachteiligte und der Ansprüche an Orientierung in entgrenzten Lebensverhältnissen werden die Aufgaben der Un- terstützung in allen Lebenskompetenzen im Hori- zont des reformulierten Bildungsprojekts zuneh- mend als Auftrag an pädagogisch inszenierte Bildung brisant. Soziale Arbeit versteht sich heute im Doppelauftrag der Unterstützung in den be- sonderen Schwierigkeiten randständiger, aus- gegrenzter und benachteiligter Lebensverhältnisse und der allgemeinen Unterstützung in heutigen, brüchigen und anstrengenden Lebensverhältnissen. In ihrem Auftrag, im Horizont sozialer Gerechtig- keit Lebensverhältnisse zu strukturieren und Le- benskompetenzen zu fördern, ergibt sich ihre spe- zifische Konkretisierung des Projekts Bildung. Sie entwickelt ein breit gefächertes Repertoire institu- tioneller und methodisch spezifischer Zugänge, z. B. in Beratungen, Erziehungshilfen, Jugend- arbeit, Jugendberufshilfen, Altenarbeit und sozial- räumlich orientierter Gemeinwesenarbeit. Dass damit nicht alle der Sozialen Arbeit zufallenden Aufgaben abgedeckt sind, die auch in der Sozial- politik sowie in Pflege und Versorgung (Care) lie- gen, muss hier nicht eigens betont werden. In ihren heutigen Konzepten kann Soziale Arbeit dem besonderen Profil des reformulierten Projekts Bildung in besonderer Weise entsprechen. Sie enga- giert sich im Kampf gegen Ungleichheiten und Un- gerechtigkeiten in der Gesellschaft; sie agiert im Mandat derer, die in fehlenden Ressourcen und pro- blematischen Bewältigungsmustern in ihrer Bildung gehemmt, benachteiligt oder von Bildungsmöglich- keiten ganz ausgeschlossen sind. – Das Grundprin- zip sozialpädagogischer Arbeit als Hilfe zur Selbst- hilfe (oder Empowerment) entspricht der zentralen Bedeutung von Selbstbildung und Individualisie- rung im reformulierten Projekt Bildung; dem ent- spricht ebenso die Bedeutung von Diagnosen als Frage nach Lebensthemen und Bewältigungsmus- tern. Dieses Grundmuster repräsentiert sich auch in der methodischen Frage, wie im offenen Feld An- fänge gefunden werden können (Hörster/Müller 1996), die den Zugang zu den Selbstdeutungen und den spezifischen Ressourcen der Adressaten eröff- nen, aber ebenso im System der weitverzweigten und differenzierten Hilfen, die sich den individuali- sierten Konstellationen lebensweltlicher Verhältnisse anpassen können. Soziale Arbeit agiert im Medium von Freiwillig- keit; es gibt keine allgemeine „Pflicht“ zur Teil- nahme an Sozialarbeit (wie es eine Schulpflicht gibt), sie verfügt über keine Zertifikate, die erwor- ben werden müssen, um in der Gesellschaft beste- hen zu können. Soziale Arbeit sucht auch da im Medium von Verhandlung und Motivation zu agieren, wo sie angesichts offenkundiger Problem- lagen und vor allem im Zeichen des Wächteramts des Staates und des Schutzes der Kinder zum Ein- greifen genötigt ist. Vor dem Hintergrund solcher offenen Zugänge stellt sich in der Sozialen Arbeit dieFragenachderVermittlungzuVerbindlichkeiten, wie sie für das Projekt Bildung von elementarer Bedeutung ist, in besonderer Dringlichkeit und Aufwändigkeit. Ein solcher Arbeitsansatz einer

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