Handbuch 5. Auflage
220 Tippelt an Hochschulen und außeruniversitären wissen- schaftlichen Einrichtungen einerseits und den anwendungs- und entwicklungsorientierten staat- lichen Einrichtungen der Bildungsforschung an- dererseits komme. Dies führt aufseiten der wis- senschaftlichen Forschungseinrichtungen zu einer gewissen Praxisferne und aufseiten der staatlichen Einrichtungen zu einer zu geringen Kontrolle wissenschaftlicher Standards und einer dadurch bedingten geringen methodischen und konzep- tionellen Innovation. „Eine Aufgabe der Bildungsforschung, kritische Instanz der Bildungspolitik zu sein, kann sie nur noch erschwert wahrnehmen, sei es wegen ihrer Einbindung in politisch- administrative Interessen oder wegen ihrer Praxisferne“ (Weishaupt et al. 1991, 177). Die hier benannten Probleme weisen bereits darauf hin, dass sich seit den 1960er Jahren eine sehr starke Verschiebung und Differenzierung der institutionel- len Verankerung der Bildungsforschung vollzog. Es ist festzustellen, dass seit den 1990er Jahren in der akademischen Pädagogik praktisch an allen wissen- schaftlichen Hochschulen die Bildungsforschung institutionalisiert ist und dass sich diese Entwick- lung in den letzten Jahren noch verstärkte. Freilich werden zu kleine Betriebsgrößen und ein Mangel an Qualifikationsstellen vielerorts dafür verantwortlich gemacht, dass längerfristig angelegte Forschungs- programme, bspw. systematische Längsschnittsstu- dien, kaum vorgenommen werden. Allerdings wird in Deutschland gerade mit einem breit angelegten Bildungspanel als Ergänzung und neue Quelle der Bildungsberichterstattung begonnen. Aber wichtig ist auch festzuhalten, dass parallel zur Differenzie- rung der Erziehungswissenschaft an den Hochschu- len ein Prozess der Institutionalisierung von Einrich- tungen der Bildungsforschung außerhalb des Hochschulbereichs zu beobachten war. Die Zahl der außeruniversitären Einrichtungen der Bildungsfor- schung nahm von neun im Jahre 1963 auf über fünfunddreißig im Jahre 1979 zu und ist dann in den 1990er Jahren auf unter dreißig wieder zurück- gegangen. Seit dieser Zeit hält die Bildungsforschung dieses Niveau der Institutionalisierung bei allerdings wachsendem Drittmittelvolumen (Tillmann et al. 2008). In dieser Zunahme und Stabilisierung drückt sich nicht nur eine fachliche Ausdifferenzierung der Forschung aus, sondern auch eine zunehmende Vielfalt der Organisation und Institutionalisierung. So lassen sich bspw. wissenschaftliche Einrichtun- gen der Bildungsforschung mit etatisierter Finan- zierung nennen, wie die Leibniz-Institute (also das Deutsche Institut für internationale pädagogische Forschung in Frankfurt, das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung in Bonn, das Institut für Wissensmedien in Tübingen und das Institut für Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel), das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Ber- lin, das UNESCO-Institut für Pädagogik in Ham- burg oder das Deutsche Jugendinstitut in Mün- chen. Eine Mittelstellung zwischen diesen Einrichtungen und wissenschaftlichen Serviceein- richtungen nimmt das HIS-Hochschulinformati- onssystem in Hannover ein. Verbandsabhängige Einrichtungen sind im Bereich der Bildungsfor- schung das Adolf-Grimme-Institut (Deutscher Volkshochschul-Verband) und das Comenius-In- stitut (Evangelische Kirche). Genannt werden auch Hochschulinstitute mit überwiegenden For- schungsaufgaben im Bereich der Bildungsfor- schung, z. B. das Institut für Schulentwicklungs- forschung (Dortmund), das wissenschaftliche Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung (Kassel) oder die neue Initiative des Bildungspanels (Bamberg u. a.). Es gab in den letzten Jahren meh- rere Sonderforschungsbereiche mit Bezügen zur Bildungsforschung an verschiedenen Hochschulen, und es gibt weitere sonstige Forschungseinrichtun- gen, wie beispielsweise das Institut für Qualität und Bildungsstandards (Berlin), das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Nürnberg), das Institut der deutschen Wirtschaft (Köln), das Institut Frau und Gesellschaft, das Institut für So- zialarbeit und Sozialpädagogik (Frankfurt), das ZUMA (Mannheim). Bedeutungszuwachs erhiel- ten in den letzten zwei Jahrzehnten die verwal- tungsabhängigen Einrichtungen der Bildungsfor- schung, wie das Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn, das Europäische Zentrum zur Förderung der Berufsbildung in Thessaloniki und die ver- schiedenen Landesinstitute für Bildungsplanung, Schulentwicklung, Erziehung und Unterricht in mehreren Bundesländern. Eine genaue Analyse der Personalentwicklungen der Bildungsforschung konnte zeigen, dass etwa drei Viertel der außeruniversitären Forschungs- kapazität auf wissenschaftliche Einrichtungen und
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