Handbuch 5. Auflage

Bildungspolitik 227 dungsgänge und schon gar nicht die Lösung des Problems, mit dem es die Hauptschule zu tun hat. Bisher ungelöste Probleme der Hauptschule sind auch mit der Einführung von Schulformen mit mehreren Bildungsgängen noch längst nicht gelöst: In der Hauptschule und in Schulen in sozial be- nachteiligten Stadtteilen kumulieren Probleme der Schule, die aus einem indifferenten Verhältnis der Schule zu den Lebenswelten ihrer Nutzerinnen und Nutzer resultieren. Diese Differenz zwischen Schule und Lebenswelt wirkt sich in den Schulen des unteren Bildungsbereichs auf fatale Weise aus und entfremdet Angehörige der unteren sozialen Statusgruppen vom Schul- und Bildungssystem, was wiederum negative Folgen in Bezug auf for- male Schulabschlüsse, berufliche Qualifizierung und soziale Integration nach sich ziehen kann. Im Bereich der sonderpädagogischen Förderung von schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen zeichnen sich ebenfalls strukturelle Veränderungen ab. Deutschland verfügt über ein differenziertes System von Sonderschulen, integrative Formen der Förderung in der Regelschule stießen lange Zeit bildungspolitisch auf Ablehnung. Quantitativ neh- men integrative Formen der sonderpädagogischen Förderung seit Jahren deutlich zu, in allen Bundes- ländern werden integrative Konzepte mittlerweile gefördert, dennoch wird bundesweit nur ein gerin- ger Teil der Schüler mit sonderpädagogischem För- derbedarf an Regelschulen unterrichtet. Bei vielen dieser Formen der integrativen Beschulung handelt es sich allerdings auch um separierende Vorgehens- weisen, was aus Sicht der Inklusiven Pädagogik kritisch betrachtet wird. Mit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen durch die Bundesrepublik Deutschland im März 2009, in der sich alle Ver- tragsstaaten dazu verpflichten, ein inklusives Schul- system einzurichten, gewinnt die Diskussion über eine gemeinsame Schule für alle eine neue bil- dungspolitische Aktualität. Steuerung im Schulsystem Im Schulbereich werden seit einigen Jahren neue Formen der bildungspolitischen Steuerung einge- führt. Zum einen wird eine Output-orientierte Steuerung aufgebaut, zum anderen werden Ele- mente derWettbewerbssteuerung in das bestehende System der Steuerung eingebaut, Ansätze, die auch als Neue Steuerung bezeichnet werden. Mit diesen neuen Steuerungsverfahren sollen die Qualität des Unterrichts verbessert, Lernleistungen der Schüler erhöht und Schulentwicklungsprozesse angeregt werden (Fuchs 2009, 369). Als Outputsteuerung werden Verfahren bezeichnet, mit denen Schule und Unterricht an vorab definierten Ergebnissen gemessen und kontrolliert werden; das sind vor al- lem messbare Lernleistungen der Schüler. Neben diesen Formen der Output-orientierten Steuerung bestehen aber nach wie vor Formen der Input- steuerung durch zentrale staatliche Vorgaben und Richtlinien weiter. Es kommt somit zu hybriden Formen der Steuerung mit alten und neuen Steue- rungsinstrumenten, die in sich widersprüchlich sein können. Wettbewerbsorientierte Steuerungs- formen erzeugen eine marktähnliche Situation der Konkurrenz zwischen Schulen, durch Auflösung von Schulsprengeln und durch eine Vergrößerung der Selbstständigkeit der einzelnen Schule (Avena- rius et al. 1998). Erwartet wird von neuen Steuerungsmodellen eine höhere Effizienz der Leistungen der Schule und eine größere Gerechtigkeit des Schulsystems (Bell- mann /Weiß 2009) im Sinne eines Abbaus des en- gen Zusammenhangs von Schulerfolg und sozialer Herkunft in Deutschland durch eine Verbesserung der Zugangsmöglichkeiten auf höhere Bildungs- gänge für Angehörige unterer sozialen Gruppen und durch eine Verringerung der Streuung der Schülerleistungen und der Leistungen von Schulen in einer sozialräumlichen Perspektive. Eine Bilan- zierung intendierter Effekte und nicht-intendierter Nebeneffekte scheint bisher jedoch sowohl in Be- zug auf Effizienz als auch auf Gerechtigkeit keine eindeutigen positiven Effekte dieser neuen Steue- rungsinstrumente zu erbringen. Dafür müssen ne- gative Wirkungen genauer in den Blick genommen werden, insbesondere in Bezug auf die Streuung der Schülerleistungen und auf segregierende Ef- fekte der wettbewerbsorientierten Steuerungsver- fahren (Bellmann /Weiß 2009). Da diese neuen Steuerungsverfahren komplex angelegt sind, haben sie Effekte auch auf andere, nicht-intendierte Handlungsbereiche, z. B. auf Schulkultur (Fuchs 2009). Testverfahren für die Messung von Schüler- leistungen, Bildungsstandards und vergleichende Lernstandserhebungen von Schülern als zentrales Moment einer staatlichen bildungspolitischen

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