Handbuch 5. Auflage
228 Mack Steuerung müssen deshalb bildungstheoretisch dis- kutiert und kritisch betrachtet werden (Benner 2007). Mit diesen Verfahren und Instrumenten werden nicht nur empirische Aussagen über die Kom- petenzentwicklung von Schülern möglich gemacht und bildungspolitische Entscheidungen vorberei- tet, wie Schule Schüler besser fördern soll, sondern auch Entscheidungen darüber getroffen, was als relevant für Bildung in der Schule Geltung be- anspruchen kann und was nicht, ob also Bildung auf eine instrumentelle Verwendbarkeit einge- schränkt wird und welche gesellschaftlichen Grup- pen mit welchen Interessen sich dabei auf Grund ihrer größeren Macht durchsetzen können. Das Projekt Ganztagsschule Schule war in Deutschland im 20. Jahrhundert überwiegend Halbtagsschule. Mit der gesellschaft- lichen Modernisierung ist ein Bedarf an ganztägi- gen Angeboten der Schule mit verlässlichen Be- treuungszeiten offenkundig geworden, dem bildungspolitisch nicht annähernd entsprochen worden ist. In den 1980er und 1990er Jahren sind im Grundschulbereich allmählich „verlässliche Halbtagsschulen“ eingeführt worden. In Folge der Ergebnisse internationaler Leistungsvergleichsstu- dien wird am Beginn des 21. Jahrhunderts erneut über ganztägige Angebote an Schulen in Deutsch- land diskutiert und werden verstärkt Ganztags- schulen eingerichtet und ausgebaut (Holtappels et al. 2007) – einen wichtigen Impuls dafür gab das Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Be- treuung“ (IZBB) der Bundesregierung, das in einer Vereinbarung mit den Ländern im Jahr 2002 auf den Weg gebracht worden ist. An Ganztagsschulen werden hohe Erwartungen gerichtet: Sie sollen bessere Lernbedingungen für Kinder und Jugendliche bieten, sie besser in der Entwicklung ihrer Kompetenzen fördern, sie sollen durch ein verlässliches, öffentliches Betreuungs- angebot Familien entlasten und eine bessere Ver- einbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit ermögli- chen. Das „Projekt Ganztagsschule“ (Deutscher Bundestag 2005) signalisiert damit einen paradig- matischen Wechsel im Verständnis von Schule, unter anderem auch in Bezug auf das Verhältnis von Schule und Familie. Hatte Schule in Deutsch- land bisher so gut wie keine Dienstleistungen für Familien übernommen, im Gegenteil, mussten Familien viele Leistungen erbringen, damit ihre Kinder an der Schule erfolgreich teilnehmen kön- nen, übernimmt die Ganztagsschule nun auch Familien entlastende Funktionen, insbesondere Aufgaben der Betreuung. So befürwortet der Wis- senschaftliche Beirat für Familienfragen den Aus- bau der Ganztagsschule, „und zwar insbesondere mit Blick auf die familienunterstützenden Wirkun- gen, die man sich von einer gut gestalteten Ganz- tagsschule erhoffen darf“ (Wissenschaftlicher Bei- rat für Familienfragen 2006, 10). Eine neue pädagogische Kultur an der Schule kann auch durch die Kooperation mit der Kinder- und Jugendhilfe entstehen. Ein Kennzeichen der neue- ren Ganztagsschulen stellt eine Öffnung der Schule für die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern dar, ein wichtiger Kooperationspartner für Ganztagsschulen ist die Kinder- und Jugend- hilfe, sie bringt auf diese Weise sozialpädagogische Fachlichkeit in Schule ein. Allerdings bedarf es dazu geeigneter Kooperationsformen, um ein pro- duktives Zusammenspiel von Jugendhilfe und Schule zu ermöglichen. Bildung in der Jugendhilfe Der Auftrag der Jugendhilfe, sich für förderliche Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen einzusetzen und mit ihren An- geboten und Leistungen die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu fördern, heißt auch, einen Beitrag für die Sicherung des Schulerfolgs von Kindern und Jugendlichen zu leisten. Dieser Anspruch der Jugendhilfe wird in speziellen schul- bezogenen Angeboten und Leistungen einzulösen versucht, er gilt jedoch auch für alle anderen An- gebote und Leistungen der Jugendhilfe. Doch in diesen unterstützenden, auf Schule und formale Bildung bezogenen Leistungen beschränkt sich der Beitrag der Jugendhilfe für die Bildung von Kinder und Jugendlichen bei weitem nicht. Jugendhilfe er- öffnet ein breites und vielfältiges Spektrum an Bil- dungsangeboten und -gelegenheiten für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern. Die Jugendhilfe ist – neben der Schule – ein wichtiger öffentlich finanzierter und kontrollierter Bildungsort für Kinder und Jugendliche (Deutscher Bundestag
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=