Handbuch 5. Auflage

Bildungspolitik 229 2005). Allerdings wurde der Bildungsauftrag der Jugendhilfe – sieht man von der Kindertages- betreuung und der Jugendarbeit als Leistungen der Jugendhilfe, für die seit langem ein explizit formu- lierter Bildungsauftrag besteht, ab – erst nach der Veröffentlichung der Ergebnisse der ersten PISA- Studie Gegenstand bildungspolitischer Diskussio- nen, in denen der besondere Beitrag der Jugend- hilfe für die Bildung von Kindern und Jugendlichen hervorgehoben wurde. Für die Jugendhilfe ist ein sozialpädagogisch be- stimmtes Bildungsverständnis leitend, das sich von der Bestimmung von Bildung als Prozess des Er- werbs von messbaren Kompetenzen – dem in der fachlichen und öffentlichen Diskussion nach PISA bestimmenden Konzept von Bildung, das sich in der Einführung und Konzeptualisierung von Testver- fahren und Bildungsstandards konkretisiert – ab- setzt und die Bildung des Subjekts in seinen biogra- fischen und gesellschaftlichen Dimensionen und Implikationen in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt und Bildung im Kontext von Fragen der Le- bensführung und in Bezug auf das Verhältnis von Bildung und Lebenskompetenz diskutiert (Münch- meier et al. 2002). Dabei nimmt die Frage nach dem Verhältnis von formalen und informellen Bildungs- prozessen (Otto/Rauschenbach 2004) eine Schlüs- selstellung in der bildungspolitischen Diskussion ein. Sie wird in jugend- und jugendhilfepolitischen Verlautbarungen konkretisiert, dabei wird die Ju- gendhilfe als non-formaler Bildungsort der Schule als formalem Ort der Bildung gegenüberstellt und der Jugendhilfe eine Brückenfunktion zwischen der Schule und den Lebenswelten von Kindern, Jugend- lichen und ihren Familien zugewiesen. Berufliche Förderung benachteiligter Jugendlicher und junger Erwachsener Angebote und Maßnahmen der Benachteiligten- förderung stellen seit den 1980er Jahren einen un- verzichtbaren Bestandteil der beruflichen Bildung dar. Mit der Einführung von 600 Ausbildungs- plätzen bei überbetrieblichen Ausbildungsträgern durch das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft im Jahr 1980 wird der Beginn der Benachteiligtenförderung markiert. Dieses Pro- gramm reagierte auf die Krise auf dem Ausbil- dungsmarkt Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Auch alle weiteren Programme und Maß- nahmen sind als eine bildungspolitische Reaktion auf Krisen auf dem Ausbildungsmarkt zu verste- hen. Sie stellen jedoch längst unabhängig von kon- junkturbedingten Krisen auf dem Ausbildungs- markt einen eigenständigen Bereich im System der Berufsbildung dar, der allerdings in vielfacher Weise mit dem ersten Ausbildungsmarkt verfloch- ten ist und eine das Duale System stützende und erhaltende Funktion ausübt, da er auf das Passungs- problem zwischen Ausbildungsnachfrage und dem Ausbildungsangebot der Wirtschaft reagiert und einen Beitrag dazu leistet, trotz strukturell beding- ter Arbeitslosigkeit die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland relativ gering zu halten. Berufsvorbe- reitende Bildungsangebote im Bereich der Benach- teiligtenförderung setzen weiter auch an dem Pro- blem der fehlenden Passung zwischen den auf dem Ausbildungsmarkt nachgefragten und den von der Schule im unteren und mittleren Bildungsbereich vermittelten Qualifikationen und Kompetenzen an und versuchen diese Lücke zu schließen, die mit der Novellierung der Ausbildungsordnungen und einer damit einhergehenden Erhöhung der fachli- chen Anforderungen in vielen Ausbildungsberufen einhergeht. Der Bereich der Benachteiligtenförderung hat sich sehr stark differenziert, es gibt eine Vielzahl von Angeboten und Maßnahmen ebenso wie von Trä- gern und Finanzierungsformen. Neuerdings wird dieser Bereich der beruflichen Bildung auch als „Übergangssystem“ bezeichnet, es umfasst Bil- dungsangebote imBereich der Berufsvorbereitung, die zu keinem anerkannten Abschluss in einem Ausbildungsberuf führen und Jugendliche dafür qualifizieren sollen, eine Ausbildung aufnehmen zu können (Konsortium Bildungsberichterstat- tung 2006, 79). Seit dem Jahr 2000 beginnen jährlich fast genauso viele Jugendliche eine Maß- nahme des Übergangssystems wie eine duale Be- rufsausbildung, der Anteil der Neuzugänge in das Übergangssystem als Teil des Berufsbildungssys- tems liegt seither bei ca. 40%, der Anteil der Neu- zugänge in den Sektor schulische Berufsbildung bei 17% und in den Sektor duale Ausbildung bei knapp über 40%. Gegenüber Mitte der 1990er Jahre hat dabei eine erhebliche Verschiebung zwischen den drei Sektoren des Berufsbildungssys- tems stattgefunden, 1995 betrug der Anteil der

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