Handbuch 5. Auflage

230 Mack  Neuzugänge in das Übergangssystem ungefähr 30% und in das Duale System der beruflichen Bildung knapp über 50% (Autorengruppe Bil- dungsberichterstattung 2008, 96). In der überwiegenden Mehrzahl durchlaufen Ju- gendliche mit und ohne Hauptschulabschluss An- gebote und Maßnahmen des Übergangssystems, nicht selten mit relativ langer Verweildauer in die- sem System; es gelingt einem großen Teil dieser ge- ring qualifizierten Jugendlichen also erst relativ spät, eine Ausbildung aufnehmen zu können, und ein nicht geringer Teil dieser Jugendlichen bleibt ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Eine besondere Benachteiligung in Bezug auf die Aufnahme und den erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung erfah- ren Jugendliche mit Migrationshintergrund, und es bestehen geschlechtsspezifische Disparitäten derart, dass Jungen und junge Männer höhere Risiken des Scheiterns in der Berufsausbildung haben als Mäd- chen und junge Frauen (Autorengruppe Bildungs- berichterstattung 2008, 159f.). Der Anteil der dualen Berufsausbildung in der be- ruflichen Bildung hat seit Mitte der 1990er Jahre stark abgenommen; der dadurch ausgelöste Mangel an Ausbildungsplätzen wird durch den leichten Ausbau der schulischen Berufsbildungsgänge nicht kompensiert. Dafür hat sich das Übergangssystem erheblich ausdifferenziert und quantitativ sehr stark zugenommen. Strukturell entsteht durch diese Ent- wicklung das Problem, dass das Duale System der Berufsbildung an Integrationskraft verloren hat und soziale Disparitäten damit verschärft werden. Diese Entwicklung erhält eine zusätzliche Brisanz durch Probleme, die mit demÜbergangssystem verbunden sind. Das sind zum einen das Problem der Effektivi- tät der Angebote und Maßnahmen, zum anderen sozial- und sonderpädagogische Herausforderungen und Problemlagen, die aus oftmals mehrfach be- nachteiligten Lebenslagen der Jugendlichen, die sich inMaßnahmen dieses Systems befinden, resultieren. Probleme des Übergangssystems kumulieren dabei bei formal gering qualifizierten Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss, insbesondere sind es die lange Verweildauer in diesem System und Schwierigkeiten und Risiken in Bezug auf Auf- nahme und erfolgreichem Abschluss einer berufli- chen Ausbildung und damit einer gelingenden beruflichen Integration. In einer biografischen Per- spektive stellt sich das Problem, wie aufgrund der Angebotsstruktur – bei sehr eingeschränkten Wahl- möglichkeiten aufgrund des marktförmig organi- sierten Systems der Benachteiligtenförderung – Bil- dungsprozesse ermöglicht werden, die für die Nutzerinnen und Nutzer individuell passende Qua- lifizierungen bedeuten und von ihnen auch subjek- tiv als sinnvoll erlebt werden. An dieser Frage der beruflichen Förderung benach- teiligter Jugendlicher und junger Erwachsener wird der enge Zusammenhang von bildungspolitischen Fragen mit sozialpolitischen Problemen besonders deutlich sichtbar; sie markieren damit auch Heraus- forderungen und Handlungsbedarf für Soziale Ar- beit. Um eine Verbesserung dieser schwierigen Si- tuation in Bezug auf berufliche Bildung und Integration benachteiligter Jugendlicher erreichen und um Ungerechtigkeiten und Missstände in die- sem Bereich des deutschen Bildungssystems ab- bauen zu können, ist eine Reflexion dieses Problems in sozialpädagogischer Perspektive erforderlich; bil- dungspolitische Reformen im unteren Bereich der beruflichen Bildung müssen Soziale Arbeit bei der Analyse des Problems, bei der Suche nach Alterna- tiven und beim Aufbau neuer Strukturen für eine bessere berufliche Förderung benachteiligter Ju- gendlicher mit einbeziehen. Regionalisierung von Bildungspolitik Viele Herausforderungen der Bildungspolitik kön- nen nicht mehr in den Zuständigkeits- und Ver- antwortungsbereichen einzelner Institutionen bzw. Administrationen bearbeitet und gelöst werden. Damit werden Fragen der Kooperation zwischen Institutionen und der Vernetzung von bislang ge- trennten Akteuren – auf mehreren Ebenen, in den Kommunen, in den Ländern und auf der Ebene des Bundes – virulent. Diese Entwicklung spiegelt sich in vielen Programmen und Projekten im Be- reich der Bildungs-, Jugend- und Sozialpolitik, in denen explizit sozialräumliche Perspektiven einge- nommen werden. Durch diese Institutionen über- greifende Kooperation und Vernetzung entsteht ein neuer Bedarf an Steuerung und Koordination, insbesondere im kommunalen Bereich. Dabei wer- den vermehrt Modelle von Governance bei der bildungspolitischen Steuerung eingeführt. Mit dem neuen Interesse an informeller und non- formaler Bildung in der erziehungswissenschaftli-

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