Handbuch 5. Auflage
Bindungsbeziehungen: Aufbau, Aufrechterhaltung und Abweichung 235 Tab. 1: Bindungsbeziehungen im Vergleich: Fremde Situation und Adult Attachment Interview Variationen von Bindungsbeziehungen Methoden Sicher Unsicher vermeidend Unsicher ambivalent Desorganisiert- desorientiert Fremde Situation (Ainsworth et al. 1978; Main / Solomon 1990) Verarbeitung kurzer Trennun- gen von der Mutter, insbeson- dere bei Wieder- vereinigung von Mutter und Kind (Kleinkindalter: 12 bis 18 Lebens- monate) Offenes emotio nales Ausdrucks- verhalten Nähe suchen und Kontakterhalten zum Zweck der Stressreduktion Rückkehr zu Exploration Verdeckter Emotionsausdruck Nähe vermeiden- des Verhalten Konzentration auf Interaktion und Exploration Stress reduziert sich langsam Starke emotionale Betroffenheit Nähe suchendes Verhalten wechselt mit ärgerlichem Kon- taktwiderstand Kaum Interaktion und Exploration Stress kann nicht reduziert werden Aversives und bizarres Aus- drucksverhalten (z. B. Angst angesichts der Bindungsperson, einfrierende Bewegungen) Widersprüche in der Bindungs- strategie (z. B. die Nähe der Bindungsperson suchen, um sie zu ignorieren) Sicher- autonom Unsicher distanziert Unsicher verwickelt Unverarbeitet- traumatisiert Adult Attachment Interview (George et al. 1996) Narrative über Bindungs- erfahrungen in der Kindheit (Jugend- und Erwachsenen- alter, beginnend etwa ab dem 16. Lebensjahr) Wertschätzung von Bindungs erfahrungen Kohärente Schil- derung und Bewertung der ei- genen Bindungs erfahrungen Abwertung von Bindung Inkohärenz in der Schilderung der eigenen Bindungserfah- rungen durch: Mangel an Er- innerungen, man- gelnde Integrati- on von einzelnen Erfahrungen, Idealisierung der Bindungsperson Passivität des Diskurses, Be- richt irrelevanter Details Wiederholt widersprüchliche Bewertungen der eigenen Bindungserfah- rungen Ärger über Bindungsperson Bericht über traumatische Erfahrungen, dabei sprachliche Auffälligkeiten Betreuung vonMüttern, die als emotional ausdrucks arm bzw. zurückweisend (Matas et al. 1978) oder im Hinblick auf die Selbstständigkeit des Kindes als zu fordernd erlebt wurden (Grossmann et al. 1985), nur unsichere Bindungsbeziehungen entwickeln. Das von Ainsworth, Bell und Stayton (1974) ent- wickelte Rating-Verfahren zur Beurteilung der Sensitivität misst traditionell die Promptheit und Adäquatheit, mit der Mütter auf die Signale ihrer Kinder reagieren. Dagegen müssen bei desorgani- sierten Bindungsbeziehungen auch subtile Abwei- chungen im mütterlichen Verhalten registriert werden. Die Skala Ambiance (Atypical Maternal Behavior Instrument for Assessment and Classifi- cation Coding System; Lyons-Ruth et al. 1999) erfasst deshalb insbesondere die Art und Weise, wie aus inadäquaten mütterlichen Reaktionen kind liche Ängste entstehen. Identitätsentwicklung und das Sozialverhalten des Kindes Kinder entwickeln in Bindungsbeziehungen Kom- munikationstechniken und Selbstwertgefühle, die ihre Identität nachhaltig prägen. Die sicheren Bin- dungsbeziehungen zeichnen sich dabei dadurch aus, dass die Bindungsperson an den Erfahrungen
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=