Handbuch 5. Auflage
236 Ahnert des Kindes teilnimmt und diese im Dialog reflek- tiert. Da Dialoge natürlicherweise immer auch Missverständnisse und Störungen enthalten, er- fährt das Kind dabei auch, wie diese Störungen auftreten und beseitigt werden können, was eine hervorragende Grundlage für die Kommunikati- onsentwicklung ist. Die Dialoge dienen dem Kind jedoch ebenfalls dazu, die eigenen Gefühle zu ver- stehen und sie in Bezug zu anderen zu setzen. Es ist deshalb verständlich, dass den sicheren Bindungser- fahrungen ein besonders fördernder Einfluss auf die Identitätsentwicklung zugesprochen wird, die auch Beziehungen zu anderen angemessen entste- hen lässt (Sroufe 2001). Kinder in sicheren Bindungsbeziehungen empfinden sich zudem als liebens- und beschützenswert. Ihre Mütter tragen beispielsweise in Stress-Situationen zu ihrer Entlastung bei, selbst wenn die Beziehung zum Kind dabei stark herausgefordert wird. In unsicheren Bindungsbeziehungen dagegen muss das Kind auf die eigene emotionale Regulationsfähigkeit bauen. Da diese Fähigkeiten jedoch ungenügend entwickelt sind, bleiben die eigenen Bewältigungsstrategien un- befriedigend und führen von daher zu einer negati- ven Selbstbewertung. Da außerdem die Erwartun- gen dieser Kinder an soziale Unterstützungen kaum ausgebildet sind, gelten Kinder aus unsicheren Bin- dungsbeziehungen insgesamt als weniger sozial auf- geschlossen und kompetent (Elicker et al. 1992). Infolgedessen ist es nur verständlich, dass die Bin- dungsforschung über lange Zeit versucht hat, die Folgen unsicherer Bindungserfahrungen in späteren sozialen Fehlanpassungen unmittelbar aufzusuchen (siehe Abschnitt 3). Aufrechterhaltung von Bindungsbeziehungen Primäre Bindungsbeziehungen sollten sich desto sicherer entwickeln, je stabiler und prädiktierbarer das Interaktionsgefüge sei. Bowlby (1973) war überzeugt, dass Kleinkinder nur sehr instabile Ge- dächtnisleistungen aufweisen und deshalb nicht in der Lage sind, ein konsistentes Beziehungsmuster aufzubauen, wenn Trennungserfahrungen diesen Prozess immer wieder unterbrechen. Infolgedessen sollte „die sicherste Dosis [für Mutter-Kind-Tren- nungen] hier nur die Nulldosis“ (Bowlby 1973) sein. Die empirische Bindungsforschung hat je- doch mehrfach gezeigt, dass auch bei einer frühen Inanspruchnahme einer nicht-mütterlichen Be- treuung die Mutter-Kind-Bindung entwickelt wird und aufrechterhalten bleiben kann. In der weltbe- kannten NICHD-Studie (NICHD Early Child Care Research Network 1997), die über 1.000 normgerecht sich entwickelnde Kinder von Geburt an bis in die mittlere Kindheit begleitend unter- suchte, war die mütterliche Sensitivität die domi- nierende Einflussgröße auf die Mutter-Kind-Bin- dung, unabhängig davon, ob das Kind zusätzlich von anderen Personen betreut wurde. Ahnert und Lamb (2003) weisen jedoch mit Nachdruck darauf hin, dass im Falle eines geteilten Betreuungsfelds von Familie und Kindereinrichtung die familiäre wie öffentliche Betreuung zeitlich richtig ausbalan- ciert werden muss, damit die Bindungssicherheit der Mutter-Kind-Beziehung auch erhalten bleiben kann. Der tägliche Betreuungswechsel stellt eine erhebliche Belastung für ein Kleinkind dar, deren negative Auswirkung vor allem in der Anfangszeit durch Adaptationsprogramme abgefangen werden muss, die die Mütter einbeziehen. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass Mütter in ihrer Funktion einer Sicherheitsbasis dem Kind dabei sowohl die An- passung an den neuen Betreuungskontext erleich- tern, in dem sie den kindlichen Stress reduzieren helfen, als auch gleichzeitig die Beziehungsqualität zum Kind erhalten (Ahnert et al. 2004). Multiple Determiniertheit der Bindung Die Aufrechterhaltung der Mutter-Kind-Bindung trotz diskontinuierlicher Betreuung wirft die Frage auf, ob ein so wichtiges Verhaltenssystem wie die Bindung nicht mehrfach abgesichert wurde. Die Untersuchung dieser Frage macht die Sondierung einzelner Komponenten aus der komplexen Struk- tur der Mutter-Kind-Bindung notwendig, so wie es von MacDonald (1992) vorgeschlagen wurde. Basierend auf zwei diskreten und evolutionsbiolo- gisch voneinander unabhängig entstandenen Af- fektsystemen hat MacDonald ein Sicherheitssystem (security-separation-distress system) und ein Zu- neigungssystem (positive-social-reward system) unterschieden. Während das Sicherheitssystem die Basis für Verhaltensstrategien im Umgang mit Angst erzeugenden sowie emotional belastenden Situationen ist und der Minimierung negativer
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