Handbuch 5. Auflage

Bindungsbeziehungen: Aufbau, Aufrechterhaltung und Abweichung 237 Emotionen dient, adressiert das Zuneigungssystem positive Affekte und liebevolle Beziehungen, wie sie für Fürsorge- und Pflegeverhaltensweisen all- gemein beschrieben werden. Beide Systeme könn- ten zwar in hoher Ausprägung und gemeinsam die Bindungsbeziehung bestimmen – wie dies das Sen- sitivitätskonzept abbildet, – die Sicherheits- und Zuneigungssysteme scheinen aber auch getrennt voneinander operieren zu können. Diese Überlegungen sind nützlich, wenn Kinder Be- treuungsdiskontinuitäten erleben. Erstellt man bei- spielsweise ein Tagesprofil über die Erfahrungen von außerfamiliär betreuten Kleinkindern, ergeben sich im Vergleich zu hausbetreuten Kindern gleichen Alters erhebliche Unterschiede in Abhängigkeit da- von, zu welcher Zeit und wo das Kind betreut wurde (Ahnert et al. 2000). Die Beziehungen, die das Kind in öffentlicher Betreuung eingeht, scheinen dabei besonders durch Zuwendungssysteme bestimmt zu sein, während die Mütter ihre Betreuungsleistungen vor und nach dem Besuch der Kindereinrichtung auf das Sicherheitssystem orientieren. Dies schien von ihren Kinder auch so herausgefordert: Ahnert et al. (2000) fanden, dass die Kinder kaum in der Kin- dereinrichtung quengelten, jedoch ausgeprägt, nachdem sie von ihren Müttern abgeholt wurden; wahrscheinlich um die ungeteilte Aufmerksamkeit der Mutter nun endlich auch für sich reklamieren zu können. Veränderungen im Lebenslauf Wenn ein Kind mit zunehmendem Alter sein Ver- halten auch zunehmend unabhängiger von der Bindungsperson zu organisieren beginnt, entste- hen neue Anforderungen an die Sensitivität einer Bindungsperson, die zunächst dann die Explora- tionsbedürfnisse und Autonomiebestrebungen des Kindes unterstützen muss (Thompson 1997). Veränderungen in der Bindungsgestaltung über die Lebensspanne hinweg ist jedoch eine Thema- tik, mit der die Bindungsforschung erst am An- fang steht. Bekannt ist allerdings, dass die Selbstbehauptungs- tendenzen in der Pubertät die primären Bindungs- beziehungen empfindlich beeinträchtigen können, vor allem wenn Bindungspersonen auf Umgangs- formen zugreifen, die von den Jugendlichen als un- angemessen empfunden werden. Kobak und Mit- arbeiter (1994) konnten zeigen, dass Mütter im Bemühen um die Bearbeitung konfliktärer Situa- tionen (z. B. dem Auszug aus dem Elternhaus) vielfach dazu neigen, insistierende Kontrollmecha- nismen einzusetzen, um den emotionalen Entglei- sungen der Pubertierenden entgegenzuwirken. Diese Mechanismen erwiesen sich jedoch als un- geeignet, die Bindungsbeziehung langfristig in gu- ter Qualität fortzuführen. Geht man davon aus, dass Bindungen zwar kom- plementäre, aber asymmetrische Beziehungen sind, die durch eine kompetente Person dominiert wer- den, die Sicherheit bieten kann (Bretherton 1985), können sich die Verhältnisse im höheren Lebens- alter sogar umkehren. Die erwachsenen Kinder können dann für ihre Eltern zu Bindungspersonen werden. Dies ist insbesondere dann angezeigt, wenn das Bindungsverhaltenssystem im hohen Lebensalter durch ein verzerrtes Zeitverständnis, Trauer um vergangene Kompetenzen, Angst vor Hilflosigkeit und Vereinsamung hoch aktiviert ist. Abweichungen und Bindungsstörungen Die neuropsychologisch orientierte Bindungsfor- schung rückt die Mutter-Kind-Beziehung heute ganz vorrangig in den Blick der Emotionsregulation (Schore 2001; Siegel 1999). Danach entwickeln sich emotionale Regulationsmechanismen schon sehr früh in Abhängigkeit davon, wie Emotionen erfah- ren und kommuniziert werden. In sicheren Mutter- Kind-Beziehungen setzt die Mutter Blickkontakt, Körpergestik und stimmliche Melodik ein, mit de- ren Hilfe die emotionalen Zustände des Kindes moduliert werden. Sie hilft damit neuronale Schalt- kreise anzubahnen, die für die Eigenregulation des Kindes später zur Verfügung stehen können. Die Herausbildung einer eigenständigen Emotionsregu- lation erfordert demnach die prompten und ad­ äquaten Reaktionen einer Betreuungsperson auf die emotionalen Signale des Kindes. Es handelt sich dabei um die gleiche Betreuungspraxis, die auch die Bindungssicherheit entstehen lässt. Damit ergibt sich zwischen der Bindungssicherheit des Kindes und den neuropsychologischen Basismechanismen der Emotionsregulation ein enger Zusammenhang, der sich nicht darstellt, wenn Kinder Bindungspersonen entbehren müssen bzw. von ihnen vernachlässigt oder gar misshandelt und missbraucht werden.

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