Handbuch 5. Auflage
238 Ahnert Aufwachsen in Problem-Familien Bislang ist es nur mit mäßigem Erfolg gelungen, Beeinträchtigungen in der Verhaltensanpassung von Kindern als unmittelbare Folge mangelnder Bindungssicherheit nachzuweisen (Überblick in Greenberg 1999). Selbst in der NICHD-Studie konnte zwar ein geschlechtsspezifischer Einfluss unsicherer Bindungserfahrungen auf die Verhal- tensanpassung von Jungen und Mädchen repliziert werden (McCartney et al. 2004), eine Hauptwir- kung der Bindungs un sicherheit auf irgendeinen Entwicklungsbereich der Kinder dieser großen normativen Stichprobe wurde jedoch nicht aus- gemacht. Demgegenüber sind Untersuchungen in Problem-Familien informativer, wie dies beim Minnesota-Eltern-Kind-Projekt mit einer Stich- probe von jungen Alleinerziehenden und ihren Kindern prominent geworden ist, die von der Ge- burt bis in die Adoleszenz mehrfach aufgesucht wurden (z. B. Sroufe 2001). Hierbei wurde über- einstimmend mit weiteren Studien bei einkom- mensschwachen und problematischen Familien deutlich, wie negativ verstärkend sich die Bin- dungs unsicherheit auf die Entwicklung auswirken kann, wenn sie mit anderen Risikofaktoren inter agiert. Die unsicher-gebundenen Kinder dieses Pro- jekts fielen bis in die Jugendzeit hinein durch emo- tionale Regulationsstörungen auf, waren aggressiv oder hatten affektive Störungen. Sie unterhielten auch häufiger mangelhafte und / oder negative Freundschaftsbeziehungen als Kinder des Projekts, die trotz der widrigen Lebensumstände eine sichere Bindung erworben hatten. Traumatische Kindheitserfahrungen Mutterentbehrung und soziale Deprivation, Kin- desvernachlässigung und -misshandlung wirken sich allerdings folgenschwer und unmittelbar auf die Bindungsentwicklung aus. Schon die klassi- schen Deprivationsstudien (Schmalohr 1975; Spitz 1965) verwiesen immer wieder auf spezifische Bin- dungsstörungen der Distanzlosigkeit oder Sozial- angst, wenn Kinder stimulanzreduzierte und ge- fühlsarme Betreuungserfahrungen gemacht hatten. Das Bild ist jedoch bei Weitem nicht so einheitlich wie ursprünglich beschrieben, da umfängliche per- sönlichkeitsbezogene und intellektuelle Abwei- chungen in die Beziehungsgestaltung eingreifen. Neuere Studien verdeutlichen das große Entwick- lungspotenzial, das diese Kinder entfalten, wenn sie sich an neue Lebenssituationen – wie z. B. nach Aufnahme in einer Adoptionsfamilie – anpassen müssen. Dennoch treten hierbei überzufällig des- organisierte Bindungsrepräsentationen auf und bleiben auch über lange Zeit bestehen (O’Connor et al. 2003). Die schädigenden Folgen von Kindesvernachlässi- gung und -misshandlung wirken sich dagegen di- rekt und nachhaltig auf das Sozialverhalten aus, was zumeist eher auf das andauernde misshan- delnde Milieu als auf einzelne Tätlichkeiten zu- rückzuführen ist (z. B. Weindrich / Löffler 1990). Angst ist dabei ein zentrales Thema in der Bezie- hungsentwicklung der Kinder (Cicchetti et al. 1995; van IJzendoorn et al. 1999), die aus den an- dauernden aggressiven, verletzenden oder herab- setzenden Betreuungserfahrungen entsteht. Ge- mäß der Arbeitsweise des IWMs sucht ein Kind bei Angst die Bindungsperson auf. Je häufiger je- doch das Kind von der Bindungsperson im Stich gelassen oder bedroht wird, umso mehr wird das Bindungssystem und der Wunsch nach Nähe ak- tiviert, was wiederum zur Herausbildung einer sog. Angstbindung führen kann. Nach Grossmann und Grossmann (2009) wird ein Kind in solchen Lebensumständen deshalb alles versuchen, diese ungesunde Beziehung aufrechtzuerhalten, in dem es die Eltern in Schutz nimmt und die schlechte Behandlung verleugnet. Crittenden (1999) hat des Weiteren darauf aufmerksam gemacht, dass diese Kinder selbstschützende Kommunikations- strategien entwickeln, die auch ihre wahren Ge- fühle verdecken. Die unmittelbaren entwicklungs- psychologischen Konsequenzen zeigen sich in Bindungsstörungen (Brisch 1999). Als Langzeit- folgen werden sogar Depressionen, Beeinträchti- gungen des Selbstwertgefühls und Störungen des Sexualverhaltens und -erlebens berichtet (Egle et al. 1997). Bestimmung von Bindungsstörungen Bindungsstörungen als Formen schwerwiegender Psychopathologie sind in den gängigen klinisch-di- agnostischen Manualen ICD-10 ( International Classification of Disease 1998) und DSM-IV ( Diag-
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