Handbuch 5. Auflage
Bindungsbeziehungen: Aufbau, Aufrechterhaltung und Abweichung 239 nostic and Statistical Manual of Mental Disorders 1994) als reaktive Bindungsstörung in zwei Varian- ten aufgeführt: Das Kind ist in seiner Bindungs- bereitschaft gegenüber Erwachsenen entweder aus- geprägt gehemmt und reagiert mit Ambivalenz und Furchtsamkeit auf seine Bindungspersonen (Gehemmter Typus; F94.1), oder es zeigt ent- hemmte distanzlose Kontaktfreudigkeit gegenüber Erwachsenen und diskriminiert kaum vertraute Betreuungspersonen von Fremden (Enthemmter Typus; F94.2). Die Diagnosen werden mit Bezug auf extreme Vernachlässigung und Misshandlung des Kindes gestellt bzw. als kindliche Reaktion auf den Verlust (in einem Alter des Kindes von 5 Jah- ren und jünger) einer bereits etablierten Bindungs- beziehung interpretiert. Diese sehr enge Definition einer Bindungsstörung ist heute heftig umstritten, da Bindungsstörungen (a) sich auch in anderen Kontexten entwickeln können, (b) eigentlich eine Beziehung charakterisieren soll und sich von daher kaum über das kindliche Verhalten allein erklärt und schließlich (c) eine ausgewählte Kind-Bin- dungsperson-Beziehung, nicht aber die Bindungs- fähigkeit des Kindes schlechthin als pathologisch beschreiben sollte (Lieberman / Zeanah 1995). Exkurs: Sekundäre Bindungsbeziehungen In der klassischen Bindungstheorie wurde wegen der evolutionsbiologischen Begründung des Bin- dungsmotivs eine Bindung des Kindes an nicht- mütterliche Personen zunächst nur sehr zögerlich und als Ausnahmefall diskutiert. Dabei war be- reits unstrittig, dass ein so wichtiges Verhaltens- system nicht ausschließlich an eine spezifische Person geknüpft werden kann, wenn es der über- lebenssichernden Funktion wirklich gerecht wer- den wollte. Bis heute sind jedoch Untersuchungen über Bindungsbeziehungen zu nicht-mütterlichen Personen selten geblieben, die Vater-Kind- wie auch die ErzieherInnen-Kind- und LehrerInnen- Kind-Beziehungen in den letzten Jahren jedoch zunehmend in den Blick genommen worden. Dabei hat sich die Forschung zunächst an den Ei- genschaften der Mutter-Kind-Bindung orientiert, jedoch alsbald die Unterschiede zu den nicht- mütterlichen Beziehungen herausgearbeitet, die verdeutlichen, dass Eigenschaften und Funktio- nen von denen der Mutter-Kind-Bindung z.T. erheblich abweichen. So wird die Mutter-Kind-Beziehung vor allem an- hand ihrer sicherheitsgebenden und stressreduzie- renden Funktion beschrieben, für die die mütterli- che Feinfühligkeitmit promptenund angemessenen Reaktionen auf die Schutzbedürfnisse des Kindes konstitutiv ist. Auch wird –wie eingangs in diesem Kapitel ebenfalls bereits ausgeführt – die spätere Fähigkeit des Kindes zur emotionalen Selbstregula- tion mit dieser Art von Beziehungserfahrungen verbunden. Die kindliche Beziehung zum Vater scheint sich dagegen typischerweise in Anregungs- und Beschäftigungssituationen herauszubilden und vorrangig durch motorische Stimulationen ge- prägt zu sein. Außerdem setzt die Vater-Kind-Bin- dung auf die Autonomie- und Partizipationsbestre- bungen des Kindes und wird mit der Entwicklung kindlicher Exploration und Neugier verbunden (Grossmann et al. 2002). Diese unterschiedlichen Beziehungsmuster können unter bestimmten Fa- milienkonstellationen und -situationen auch in ei- ner völlig anderen Weise erfahrbar werden. Bei- spielsweise rekurrieren alleinerziehende Väter auch auf die stressreduzierenden und sicherheitsgeben- den Merkmale typischer mütterlicher Betreuungs- muster, wenn sie ein Kleinkind weitgehend allein aufziehen müssen. Insgesamt darf man wohl davon ausgehen, dass die Betreuungsmuster von Müttern und Vätern die Grundlage von Beziehungserfah- rungen reflektieren, die für eine normale Sozialent- wicklung des Kindes in unserer Kultur notwendig sind. Infolgedessen können Defizite in diesen Er- fahrungen abweichende Sozialentwicklungen des Kindes bewirken. Forderungen, nach denen ErzieherInnen in mo- dernen Kindereinrichtungen auch Bindungsfunk- tionen erfüllen sollten, sind immer wieder erhoben worden. Allerdings stellt sich dabei die Frage, wie diese Forderungen im Rahmen einer Gruppen- betreuung einlösbar sind und unter welchen Vo- raussetzungen eine Erzieherin zu einer Bindungs- person überhaupt werden kann. Gegenwärtig zeigen 40 internationale Studien (Überblick in Ahnert et al. 2006), dass ErzieherInnen-Kind-Be- ziehungen zweifellos bindungsähnliche Eigenschaf- ten zugesprochen werden können. Diese schließen neben zuwendenden, sicherheitsgebenden und stressreduzierenden Aspekten auch Unterstützung und Hilfen beim kindlichen Erkunden und Erwerb
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