Handbuch 5. Auflage

244 Jakob  Lebensgeschichte verwandeln. Biographie ist ein sich selbst organisierender Lernprozess.“ (Schulze 2006, 39) Anknüpfend an modernisierungstheoretische Dis- kurse bestimmt Alheit (2003) „Biographie als Kon- zept des Lernens in der Lebensspanne“ und „Bio- graphizität“ als Vermögen oder Potenzial moderner Individuen, Biographie auch angesichts riskanter Erfahrungen und widersprüchlicher Anforderungen in unterschiedlichen Kontexten immer wieder neu zu konstruieren. DieerziehungswissenschaftlicheBiographieforschung hat sich auf die Analyse von Lebensgeschichten als Lern- und Bildungsgeschichten ausgerichtet (Krü- ger/Marotzki 2006). Ein solches bildungstheoretisches Verständnis von Biographie eröffnet einen Zugang zu den subjekti- ven Erlebnissen und Lernerfahrungen, die Indivi- duen im Verlauf ihres Lebens gemacht haben. Da- mit können Veränderungen, Transformationen und Prozessstrukturen wie biographische Wand- lungsprozesse erfasst werden. Zugleich lassen sich damit auch Erkenntnisse über die Erziehungsinsti- tutionen und über pädagogisches Handeln in den Einrichtungen sowie darüber, wie diese von den „Erzogenen“ wahrgenommen wurden, gewinnen. Biographische Forschung Biographische Forschung umfasst all jene sozial- wissenschaftlichen Forschungsansätze, in denen mit Lebensgeschichten, Ausschnitten daraus oder sonstigen biographisch gehaltvollen Materialien als Datengrundlagen gearbeitet wird. Dazu gehö- ren autobiographische Dokumente (Tagebücher, Autobiographien, Briefe), alltagskulturelle Doku- mente (Kleidung, Einrichtung, Fotos), Materia- lien, die für die Forschung erhoben wurden (Interviews, Beobachtungsprotokolle) und künst- lerische Dokumente (Filme, Bilder) (Marotzki 2003). In der Forschungspraxis überwiegen ein- deutig Interviewmaterialien, in denen mit offenen oder leitfadenorientierten Interviews autobiogra- phische Erzählungen generiert werden. Biographische Forschung ist Teil einer qualitativ- rekonstruktiven Sozialforschung, in der es darum geht, die soziale Wirklichkeit aus der Perspektive der Subjekte zu rekonstruieren, und die davon aus- geht, dass diese Wirklichkeit von den Individuen in Auseinandersetzung mit sich, mit anderen und der Welt hervorgebracht worden ist. Biographische Forschung interessiert sich für die Genese sozialer Phänomene und rekonstruiert vergangene Erleb- nisse und deren Verarbeitung und Ablagerung in der Erfahrungsaufschichtung. Dies verweist auf die Frage nach dem Verhältnis von lebensgeschichtlichen Ereignissen, deren Erleben und ihrer Bewertung in der Gegenwart . Was lässt sich anhand von biogra- phischen Äußerungen, die z. B. mit einem narrati- ven Interview gewonnen wurden, über vergangene Erlebnisse und Erfahrungen aussagen? Biographi- sche Erzählungen über vergangene Ereignisse erfol- gen aus der heutigen Perspektive und sind an die Gegenwart des Erzählens gebunden. Einzelne For- scher(innen) beschränken sich darauf, die autobio- graphischen Materialien lediglich als Ausdruck für die darin sichtbar werdende gegenwärtige biogra- phische Konstruktion zu nutzen (Vonderach 1997). In weiten Teilen der biographischen For- schung wird allerdings davon ausgegangen, dass sich die Strukturierung der Lebensgeschichte am vergangenen Erlebnis- und Erfahrungsablauf ori- entiert. „Diese Konstruktion der Vergangenheit aus der Gegen- wart ist jedoch nicht als eine jeweils von der erlebten Vergangenheit losgelöste Konstruktion zu verstehen. Vielmehr sind die auf Erinnerungen beruhenden Erzäh- lungen eigenerlebter Erfahrungen in der Vergangenheit mit konstituiert.“ (Rosenthal 2002, 136–137) Dementsprechend werden biographische Erzäh- lungen selbsterlebter Erfahrungen dazu genutzt, um das frühere Erleben und den vergangenen le- bensgeschichtlichen Erfahrungsablauf zu rekon- struieren. Des Weiteren interessiert, wie der Bio- graphieträger diese Abläufe aus der heutigen Perspektive deutet. Rosenthal (2002) entwickelt ausgehend von dieser Prämisse ihren Vorschlag für biographische Fallrekonstruktionen, in denen die Differenz zwischen erlebter und erzählter Lebens- geschichte berücksichtigt und untersucht wird. Die Kontroversen und unterschiedlichen Ansätze verweisen darauf, dass biographische Forschung kein abgeschlossener und abgegrenzter Bereich mit festgelegten Methoden ist, sondern sich als ein he- terogenes Feld präsentiert, in dem basierend auf unterschiedlichen methodologischen Grundlagen mit verschiedenen forschungsmethodischen An-

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