Handbuch 5. Auflage
Biographie 245 sätzen gearbeitet wird. Die sozial- und erziehungs- wissenschaftliche Biographieforschung orientiert sich dabei stark am „interpretativen Paradigma“ und an grundlagentheoretischen Bezügen in der Sozialphänomenologie, im Symbolischen Inter- aktionismus und in der Ethnomethodologie. In neueren Arbeiten zeichnet sich eine vorsichtige Tendenz ab, Verknüpfungen zu anderen Theorie- traditionen wie konstruktivistischen und system- theoretischen Ansätzen herzustellen (Völter et al. 2005). In der erziehungswissenschaftlichen For- schung gewinnen zusätzlich Bezüge zur Psychoana- lyse, zur pädagogischen Kasuistik und zu praxeolo- gischenTraditionen anBedeutung (Baacke / Schulze 1993; Friebertshäuser et al. 2010). Biographische Forschung in der Sozialen Arbeit In der Sozialen Arbeit haben sich zwei Schwerpunkte herausgebildet, in denen soziale Phänomene mit ei- nem biographischen Zugang untersucht werden: eine biographiebezogene Adressatenforschung und pro- fessionsbezogene Analysen . Eine vollständige Über- sicht über die in den letzten Jahren vorgelegten Stu- dien ist angesichts der zahlreichen Untersuchungen nicht möglich. Die folgende Zusammenstellung ist deshalb keineswegs vollständig, sondern basiert auf ausgewählten Forschungsarbeiten, die einen Ein- blick in typische Fragestellungen und Themen ge- ben, die mit biographischen Methoden bearbeitet wurden. Die Entwicklung qualitativ-rekonstruktiver Forschungsansätze in den 1980er bis Mitte der 1990er Jahre lässt sich in dem Beitrag „Sozialpäd agogische Forschung“ nachvollziehen (Jakob 1997). Einen Einblick in die Anfänge undTraditionen einer verstehenden Forschungsperspektive in der Sozial- pädagogik vermittelt der Beitrag von Wensierskis (1997). Überblicke zum Stand der qualitativen For- schung in der Sozialen Arbeit insgesamt geben ver- schiedene Sammelbände, die zugleich für eine zu- nehmende Forschungsorientierung in der Disziplin stehen (Bitzan et al. 2006; Bock /Miethe 2010; Cloos/Thole 2006; Hanses 2004; Schweppe 2003; Schweppe/Thole 2005; einzelne Beiträge in Otto et al. 2003 und Steinert/Thiele 2000). Biographiebezogene Adressatenforschung Biographische Zugänge zu den Adressat(inn)en und Adressaten Sozialer Arbeit haben sich mittler- weile in allen Handlungsfeldern etabliert. Im Kon- text der erzieherischen Hilfen befassen sich Unter- suchungen mit der Rolle von Herkunftsfamilie, Schule und Einrichtungen öffentlicher Erziehung für die Marginalisierung von Jugendlichen (Nölke 1994), mit dem Problem sexueller Missbrauchs- erfahrungen von Mädchen in der Heimerziehung (Hartwig 1990), mit den Lebensgeschichten und Erfahrungen von Herkunftsfamilien, deren Kinder fremd untergebracht wurden (Faltermeier et al. 2003) und mit der Beteiligung von Eltern im Hil- feplanverfahren (Schefold et al. 1998). Anhand von Familienrekonstruktionen wird die Koopera tion zwischen Herkunftsfamilie und Pflegefamilie aus der Perspektive der verschiedenen Beteiligten untersucht (Sauer 2008). Neue Adressatengruppen werden in den Blick genommen, wenn etwa die biographischen Wege türkischer Jugendlicher in einem Erziehungsheim oder delinquente Karrieren von Jugendlichen aus Migrationsfamilien unter- sucht werden (Bukow et al. 2006). Biographische Forschungsansätze befassen sich mit Fragestellungen aus der Kinder- und Jugendarbeit, untersuchen soziale Phänomene wie Obdachlosig- keit und Armut, analysieren die Gewalt gegen Frauen unter einem biographischen Blickwinkel und wenden sich delinquenten Karrieren zu (zum Stand der qualitativen Forschung in einzelnen Handlungsfeldern: Bock /Miethe 2010, 457 ff.). Biographische Zugänge werden vor allem dann gewählt, wenn es um die Untersuchung sozialer Phänomene geht, bei denen Organisationen einen umfassenden Zugriff auf das Leben der Adres- sat(inn)en haben und Soziale Arbeit stark in Bio- graphien eingreift. Dies gilt für die Analysen im Kontext der erzieherischen Hilfen ebenso wie für die Studien, die das Erleben in Alten- und Pflege heimen oder in psychiatrischen Einrichtungen un- tersuchen. Erträge der adressatenbezogenen bio- graphischen Studien eröffnen den Blick darauf, wie sich soziale und indi- ■ ■ viduelle Probleme aus der Sicht der betroffenen Adressat(inn)en darstellen. Dies bedeutet aber nicht, bei einer „naiven“Wiedergabe der Weltsichten und Deutungen stehen zu bleiben. Die methodisch fun-
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