Handbuch 5. Auflage
246 Jakob dierten Analysen lassen vielmehr grundlegende Strukturen, biographische Muster und handlungs- leitende Sinnorientierungen erkennen, die den Be- troffenen selbst nicht als Wissen zur Verfügung stehen. Die Studien ermöglichen die Rekonstruktion von ■ ■ verlaufskurvenförmigen Prozessen, die durch einen Verlust an Handlungsorientierung und Erfahrun- gen der Fremdbestimmtheit und des Erleidens ge- kennzeichnet sind (zum Konzept der Verlaufskurve Schütze 2006). Dabei wird sichtbar, wie sich Pro- blemlagen der Adressat(inn)en im Verlauf der Bio- graphie aufgeschichtet, transformiert und zu- gespitzt haben. Eine sorgfältige Rekonstruktion der lebensgeschichtlichen Verläufe erbringt auch Hinweise auf biographische Ressourcen und Po- tenziale, die für eine Wiedergewinnung von Hand- lungsorientierung wichtig sind. Ein weiterer Erkenntnisgewinn ergibt sich daraus, ■ ■ dass die biographieanalytischen Studien auf die Mehrdimensionalität sozialer und individueller Problemlagen verweisen, wie sie für die Praxis So- zialer Arbeit typisch ist. Ein biographieanalytischer Zugang zur Überschuldung von Frauen wird dann nicht auf Probleme im Umgang mit Finanzen redu- ziert, sondern erscheint als komplexes Phänomen mit vielfältigen, ineinander verwobenen Ursachen, die sich im Verlauf der Lebensgeschichte und be- einflusst durch gesellschaftliche Transformations- prozesse aufgeschichtet haben (Schlabs 2007). Ein fallrekonstruktiver Zugang zu denAdressat(inn) ■ ■ en in den vorliegenden Studien richtet die Auf- merksamkeit auch auf die helfenden und erziehen- den Instanzen, die an der Konstruktion des Falles beteiligt waren. Dabei werden Strukturen und Be- dingungen herausgearbeitet, in denen professio- nelle Hilfen erfolgreich gewesen sind. Die Unter- suchungen verweisen aber auch auf Mängel im Hilfeplanverfahren, auf die fehlende Unterstützung von Pflegefamilien durch die Jugendhilfe und auf Ausblendungen und Vorurteile von Fachkräften im Umgang mit Herkunftsfamilien. So legt die Rekon- struktion der Lebengeschichten von Kindern und Jugendlichen, die zeitweise auf der Straße leben, das Versagen des Jugendhilfesystems offen und zeigt, wie berufliche Kräfte zur Verschärfung von Problemlagen beigetragen haben (Permien / Zink 1998). Biographiebezogene Professionsforschung In dem zweiten biographisch angelegten For- schungsschwerpunkt in der Sozialen Arbeit geht es um (berufs-)biographische Prozesse bei Professionellen und Studierenden . Die Professionalisierungsdebatte und die nach wie vor offene Frage nach dem beruf- lichen Status Sozialer Arbeit haben professions- bezogene Forschungsaktivitäten forciert (ausführ- licher dazu Jakob 2010a). Biographieanalytische Studien untersuchen die Praxis von Sozialarbei- ter(innen) in der klinischen Psychiatrie (Knoll 2000), rekonstruieren die Genese professioneller Handlungsorientierungen von Sozialarbeiter(in- nen) in Ostdeutschland (Müller 2007), analysieren die Zusammenhänge zwischen Interaktionsprozes- sen im Coaching und in der Biographie (Müller 2006), arbeiten die biographische Prägung und die berufsspezifischen Funktionen von Reflexionspro- zessen bei Erziehungsberater(innen) heraus (Tiefel 2004) und untersuchen, wie sich die pädagogischen Interventionen in einer Familienberatungsstelle auf die Lebensgeschichten der betroffenen Klienten auswirken (Riemann 2000). Die biographieanaly- tischen Studien geben auch Hinweise auf Faktoren, die eine berufliche Entwicklung hemmen. Profes- sionalisierungsprozesse können scheitern, wenn das „Leiden am Beruf“ aufgrund biographischer Verstrickungen nicht bearbeitet werden kann (Nölke 2000), wenn sich keine „engagierte Rollen- distanz“ als Balance zwischen beruflichem Engage- ment und beruflicher Distanz herausbildet (Nagel 1997) oder wenn Mitarbeiter(innen) innerlich emigrieren oder ganz aus dem Beruf aussteigen (Thole /Küster-Schapfl 1997). Derartige Prozesse des Scheiterns sind in einer Gemengelage aus bio- graphischen Anteilen, beruflichen Anforderungen und arbeitsfeldspezifischen Bedingungen begrün- det. Einen breiten Raum nehmen Untersuchungen zu den Zusammenhängen zwischen Studium und Beruf ein. Die Studien kommen dabei zu ernüchternden Ergebnissen bezüglich der Prägekraft und der Aus- bildung eines professionellen Habitus im Studium. Vor dem Studium erworbene Deutungsmuster und Erfahrungen werden im Studium nicht grund- legend verändert, sondern allenfalls modifiziert. Der biographisch geprägte „Gesamthabitus der Studierenden“, der bereits am Ausgang des Studi- ums vorhanden war und durch Erfahrungen in
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