Handbuch 5. Auflage

Biographie 247 Familie, Peergroup und beim freiwilligen Engage- ment geprägt wurde, bleibt offenbar während des gesamten Studienverlaufs richtungweisend (Mül- ler / Becker-Lenz 2008, 34). Die Haltung der Stu- dierenden wird vor allem durch frühere Erfahrun- gen und eine Orientierung an der beruflichen Praxis bestimmt, während wissenschaftliche Dis- kurse kaum eine prägende Wirkung entfalten (Friebertshäuser 2000). Andere Untersuchungen geben allerdings auch Hinweise auf biographische Wandlungsprozesse, die zumindest für einen Teil der Studierenden er- möglicht werden (Grunert 1999). Damit bisherige Erfahrungen im und durch das Studium transfor- miert werden können und sich eine professionelle Haltung herausbilden kann, muss sichergestellt sein, dass die Studierenden im Studium Gelegen- heit erhalten, sich auch mit der eigenen Biographie auseinanderzusetzen. Die Untersuchungen basieren auf verschiedenen methodologischen Grundlagen und methodischen Zugängen. Gemeinsam ist den Studien der Blick auf individuelle Professionalisierungsprozesse und darauf, wie die Berufsrolle subjektiv angeeignet wird. Professionalisierung wird damit nicht mehr nur als Prozess der Institutionalisierung und Ra- tionalisierung betrachtet. Der biographische Fokus erweitert vielmehr die Perspektiven auf Prozesse der berufsbiographischen Entwicklung, auf Karrie- reverläufe, auf die Bewältigung beruflicher Anfor- derungen und die Herausbildung eines professio- nellen Selbstverständnisses und Habitus. Die Erkenntnis, dass biographische Dispositionen und Erfahrungen in vorberuflichen Arbeitsfeldern eine wichtige Rolle für die berufsbiographische Ent- wicklung spielen, verweist auf wertvolle Ressourcen und Kompetenzen, die in das berufliche Handeln eingebracht werden. Die vorgelegten Studien greifen auf unterschiedli- che forschungsmethodische Zugänge zurück. Ange- sichts des biographischen Fokus dominiert aller- dings eindeutig das „autobiographisch-narrative Interview“, wie es von Schütze und seinen Mit- arbeitern entwickelt worden ist (Schütze 1983; Glinka 2009). Als offenes und prozessanalytisches Verfahren, das darauf ausgerichtet ist, ausführliche autobiographische Erzählungen in Gang zu setzen und dem Erzähler bzw. der Erzählerin einen brei- ten Raum zur Darstellung seiner / ihrer Geschichte ausgehend von den eigenen Relevanzsetzungen er- öffnet, ist das narrative Interview in besonderer Weise für Biographieanalysen geeignet. Ein anderer Teil der Studien orientiert sich an dem von Oevermann et al. (1979) entwickelten Vor- schlag einer strukturalen Hermeneutik. Zum Teil werden auch beide Vorgehensweisen insbesondere bei der Auswertung der Daten miteinander kom- biniert. Wenn es um die Rekonstruktion von Fa- miliengeschichten geht, wird auf das von Hilden- brand (2010) erarbeitete familienrekonstruktive Verfahren zurückgegriffen. Darüber hinaus wird mit verschiedenen Varianten von Interviews ge- arbeitet, bei der Auswertung wird auf die Inhalts- analyse oder auch auf Formen des Kodierens von Daten zurückgegriffen. Biographische (Fall-)Arbeit und Biographiearbeit Unter Stichworten wie biographische (Fall-)Arbeit, Biographiearbeit, Biographieorientierung etc. ist mittlerweile ein kaum noch zu überblickendes Spektrum von Ansätzen entstanden, die darauf zielen, mittels biographischer Analysen und me- thodisch fundiert einen verstehenden Zugang zu den Adressat(inn)en zu erhalten und sie in ihrem biographischen Prozess zu unterstützen (z. B. Gie- beler et al. 2007). Ein Teil dieser Ansätze ist auf die interpretative und sinnrekonstruierende Erschließung von Fällen fo- kussiert und hat dazu Vorschläge für fallanalytische und diagnostische Verfahren ausgearbeitet. So sind angesichts des besonderen Bedarfs im Kontext erzie- herischer Hilfen zahlreiche Vorschläge für eine pädagogische und biographische Diagnostik er- arbeitet worden (zum Überblick Ader et al. 2001; Heiner 2004; Krumenacker 2004; Peters 1999). Konzepte, die auf eine Qualifizierung der Gesprächs- führung ausgerichtet sind, zielen darauf, die Adres- saten bei der Bewältigung biographischer Anforde- rungen zu unterstützen. So intendiert der Vorschlag für eine narrativ angelegte Gesprächsführung, die Jugendlichen zu unterstützen, „sprachfähig zu wer- den, sich selbst und die eigene Geschichte zu ver- stehen und damit Mitgestaltungsmöglichkeiten zu erlangen“ (Rätz-Heinisch/Köttig 2010, 425; Rosen- thal et al. 2006). Für eine biographieorientierte pro- fessionelle Arbeit müssen die „Profis“ über Fähig- keitendesZuhörens,desoffenenerzählgenerierenden

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