Handbuch 5. Auflage

248 Jakob  Fragens, des Deutens sprachlicher Äußerungen und des Entdeckens zentraler gestaltgebender Themen verfügen (Griese/Griesehoop 2007, 213ff.). Etwas anders und vor allem sehr stark auf die be- rufliche Praxis zugeschnitten sind Ansätze, wie sie sich in den letzten Jahren unter Stichworten wie „professionelle“ oder „angeleitete Biographie- arbeit“ in der Sozialen Arbeit und angrenzenden Handlungsfeldern wie der Pflege und der Behin- dertenhilfe entwickelt haben (zum Überblick Gudjons et al. 2008; Hölzle / Jansen 2009; Petzold 2003). Bei der Begleitung dementiell erkrankter Menschen, in der Biographiearbeit mit Kindern und Jugendlichen oder auch mit psychisch kran- ken und drogenabhängigen Menschen wird ein breites Spektrum von Methoden und Instrumen- ten angewendet: lebensgeschichtliche Erzählun- gen, Verfahren, die psychotherapeutischen Kon- texten entlehnt sind, kreative Methoden, bei denen auch mit Musik und künstlerischen Ausdrucks- formen gearbeitet wird, sowie Formen von Kör- perarbeit. Die Verfahren sind aus der beruflichen Praxis heraus oder in enger Kooperation mit be- ruflichen Akteuren entwickelt worden und nach dem Muster von Handlungsanleitungen aufberei- tet. Dies erleichtert möglicherweise ihre Rezeption in der beruflichen Praxis. Allerdings bleiben in vielen dieser praxisorientierten und auf Reflexio- nen ausgerichteten Ansätze biographietheoreti- sche, methodologische und auch professionstheo- retische Überlegungen unterbelichtet. Demgegenüber basieren die fallrekonstruktiven Ansätze, die sich an der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung orientieren, auf ausgefeilten me- thodologischen und methodischen Überlegungen, die sich aus den Parallelitäten zwischen rekonstruk- tiver Forschung und professionellem Handeln er- geben. Dabei werden allerdings die Differenzen zwischen Wissenschaft und beruflicher Praxis nicht immer mit reflektiert. Viele der Vorschläge sind im Kontext von Begleitforschungs- und Modellpro- jekten entwickelt worden. Neben der damit sicher- gestellten engen Kooperation zwischen Wissen- schaft und Praxis waren damit auch pädagogische Settings verbunden, die durch Handlungsent­ lastetheit und Zeit für Analysen und Reflexionen gekennzeichnet waren. Dies sind allerdings Bedin- gungen, die im beruflichen Alltag vieler Sozial­ pädagog(inn)en nicht gegeben sind oder erst müh- sam geschaffen werden müssen. Hinzu kommen die unterschiedlichen Funktionen von Fallanalysen in der Wissenschaft und in der Praxis Sozialer Ar- beit, wo Verstehen immer mit einem Handlungs- bezug verknüpft ist. Diese Differenzen zwischen Wissenschaft und beruflicher Praxis sind unbedingt zu beachten, um die Professionellen nicht mit unerfüllbaren Erwartungen zu konfrontieren. Eine weitere un- abdingbare Voraussetzung für methodisch fun- dierte Fallanalysen ist, dass handlungsentlastete Situationen im beruflichen Alltag oder auch in herausgehobenen Situationen im Rahmen von Supervision oder Weiterbildung geschaffen wer- den. Resümee Die Integration biographischer Perspektiven hat zu einer Forschungsorientierung in der Wissenschaft und im Studium Sozialer Arbeit beigetragen. Die adressatenbezogenen Studien haben neue und dif- ferenzierte Einblicke in die Lebenswelten der Adressat(inn)en und zur biographischen Auf- schichtung von Problemlagen erbracht. Die pro- fessionsbezogenen Studien haben die Aufmerksam- keit auf berufsbiographische Entwicklungen sowie auf Handlungslogiken und -probleme gelenkt. Die Forschungsentwicklung verläuft parallel zur theo- retisch ausgerichteten Professionalisierungsdebatte, ohne dass es allerdings bislang in ausreichendem Maße gelungen wäre, die empirischen Ergebnisse mit der Theoriedebatte zu verknüpfen. Auch in fachwissenschaftlichen Konzepten Sozialer Arbeit wird auf Biographie Bezug genommen. Im Konzept einer Lebensweltorientierten Sozialen Ar- beit sind biographische Bezüge implizit angelegt, wenn etwa die Orientierung an der Lebenswelt der Adressat(inn)en als Ausgangspunkt und zentrale Leitlinie für berufliches Handeln konzipiert wird (Grunwald /Thiersch 2004). Ein expliziter Bezug wird hergestellt, wenn es darum geht, die Adressa- ten bei der Bewältigung ihrer lebensphasenspezi- fischen Aufgaben und bei der Bewältigung von Übergängen und Brüchen im Lebensverlauf zu unterstützen. In dem Entwurf für eine Sozialpäd­ agogik der Lebensalter geht es um „biographische Lebensbewältigung“, indem den Adressaten über die Unterstützung bei alltäglichen Anforderungen hinausgehend, biographische Optionen und Hori-

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