Handbuch 5. Auflage

254 Brückner  häuslichen als auch die beruflichen Sorgetätigkei- ten zumeist von Frauen erbracht werden und zu unterschiedlichen Differenzierungen unter Frauen entlang sozialer Klassenzugehörigkeiten und eth- nischer Hintergründe bzw. Migrationshinter- gründe führen (Gottschall 2000): Dienstleistungsmodell: ausgebaute professionelle ■ ■ Sorgearbeit, organisiert als – v.a. von Frauen ge- leistete – öffentliche Dienste, d.h. hohe Frauen- beschäftigung und niedrige Frauenarbeitslosigkeit; mit der Folge einer vergleichsweise geringen sozia- len Differenzierung um den Preis einer hohen Steu- erquote und ausgeprägter Bürokratisierung, z.B. Schweden (anzumerken ist, dass auch in skandina- vischen Ländern seit etwa der Jahrtausendwende leistungssenkende marktorientierte Systemanpas- sungen vorgenommen wurden), Dienstbotenmodell: hohes Maß marktförmiger so- ■ ■ zialer Dienstleistungen im Niedriglohnsektor mit starken sozialen Polarisierungen (Klasse, Ethnie und Geschlecht sowie innerhalb der Geschlechter- gruppen) und eine ebenfalls hohe Frauenbeschäfti- gung und niedrige Frauenarbeitslosigkeit, bei ge- ringem Ausbau sozialstaatlicher Einrichtungen, z.B. USA, Familienmixmodell: zurückgebliebener Ausbau ■ ■ professioneller sozialer Dienstleistungen und ein relativ hoher Anteil familialisierter – sozialstaatlich qua Steuerpolitik und Transferzahlungen gestütz- ter – Sorgearbeit, vergleichsweise niedrige Frauen- beschäftigung und vergleichsweise hohe Frauen- arbeitslosigkeit mit einem (mittleren) Maß an (oft geringfügiger) Niedriglohnarbeit im Sorgebereich; insgesamt bisher ein Mix auf der Basis eines relativ hohen durchschnittlichen Lebensstandards, z.B. Deutschland. Neben diversen, zumeist nationalen, geschlechter- wirksamen Disemploymentstrategien (Elterngeld, Entgelt für Pflege) gibt es in europäischen Wohl- fahrtsstaaten insbesondere als Resultat der EU-Po- litik gleichzeitig einen Trend zur Förderung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Sorgear- beit („employability“): Frühkindliche Einrichtun- gen werden ausgebaut, Freistellungsregelungen in der Erwerbsarbeit verbessert und Ansätze eigen- ständiger Sozialer Sicherung familialer Betreuungs- leistungen vermehrt eingeführt (Leitner et al. 2004). Allerdings sind diese Ansätze unzureichend, wie die Zunahme häufig illegalisierter Sorgearbeit von Migrantinnen in Privathaushalten der Wohl- fahrtsstaaten deutlich macht (Lutz 2008). Immi- grierte und transmigrierende Frauen leisten in rei- chen Ländern – nicht selten über Ländergrenzen hinweg – Versorgungstätigkeiten und begründen globale Betreuungsketten (Hochschild 2001). Diese Frauen haben zumeist selbst Kinder und / oder zu pflegende Familienangehörige und sind dann neben der bezahlten Sorgetätigkeit für Fremde zuständig für die Organisation der Sorge in ihrer eigenen Familie, die teils wiederum von Frauen aus Nachbarländern mit noch niedrigeren Löhnen übernommen wird. Dadurch entsteht ein bisher ignorierter „care drain“, d. h. reiche Länder ziehen aus armen Ländern Umsorgungskapazitäten ab und bewirken in armen Ländern einen Mangel an Fürsorglichkeit. Ländervergleichende Studien zeigen, wie entscheidend das Maß sozialer Rechte und der Zugang zu sozialen Leistungen für den Ausbau eines entweder regulären oder eines grauen Arbeitsmarktes für Sorgetätigkeiten mit einem ent- sprechend hohen oder niedrigen Grad an sozialen Differenzierungen nach Klasse und Ethnizität ist (Burau et al. 2007). Zusammenfassend wird deutlich, dass die jeweili- gen sozialpolitischen Antworten auf die veränder- ten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entwe- der dazu geeignet sind – insbesondere für Frauen –, gleichwertige Erwerbsarbeits- und Einkommens- möglichkeiten durch familiale Entlastungen und qualifizierte, sozialversicherungspflichtige Arbeits- plätze im Sorgebereich zu schaffen oder dazu ge- eignet sind, eine neue globalisierte Dienstbotenge- sellschaft zu etablieren. Die Frage einer geschlechtergerechten Arbeitsteilung der „ganzen Arbeit“ bleibt dabei bisher weitgehend ausgespart. Care als informelle und professionelle soziale Praxis Als soziale Praxis unterliegt Care historisch wech- selnden kulturellen Vorstellungen, die auf der Orga- nisationsebene zu unterschiedlichen Konstruktio- nen mehr oder weniger aufeinander abgestimmter bzw. miteinander konkurrierender Bereiche familia- ler, freiwilliger und beruflicher Tätigkeit – zumeist von Frauen – geführt hat. Auf der inhaltlichen Ebene reicht der Wandel von normativ aufgelade-

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