Handbuch 5. Auflage
Care – Sorgen als sozialpolitische Aufgabe und als soziale Praxis 255 nen Vorstellungen selbstloser Nächstenliebe und gesellschaftsbezogener Mütterlichkeit zu Koppelun- gen von lebensweltorientierter Unterstützung mit Selbstverantwortung respektive Assistenz in Verbin- dung mit Eigenständigkeit (Brückner /Thiersch 2005). Neuere Untersuchungen verweisen darauf, dass in Zeiten sich ausdifferenzierender Lebensfor- men auch andere Praxen der Fürsorglichkeit jenseits von Familie entstehen, so unter Freund(inn)en (Ro- seneil /Budgeon 2005). Professionelle Sorge kennzeichnet die widersprüch- liche Kombination zweier Beziehungsfacetten: ei- ner spezifischen, die formalisiertem beruflichen Rollenhandeln entspricht und einer diffusen Bezie- hungsfacette, die typisch für primäre Sozialbezie- hungen ist (Oevermann 1996). Der ständige Wechsel von zwischenmenschlicher Kontaktbereit- schaft und einer dem Arbeitsauftrag entsprechen- den professionellen Methodik und Lösungsorien- tierung mit ihrer distanzierenden Wirkung stellt eine besondere Anforderung dar und kennzeichnet den strukturellen Unterschied zu privaten Sorgetä- tigkeiten. Unterschiedslos alle Sorgetätigkeiten be- dürfen einer allgemeinen Kommunikationsfähig- keit und einer spezifischen Fähigkeit des Sehens, Spürens und Aufnehmens psychischer und physi- scher Bedürfnisse (Senghaas-Knobloch 2008). Al- lerdings klaffen emotionale Arbeitsanforderungen und organisatorische Arbeitsbedingungen auf- grund von Kürzungen und Reglementierungen zu- nehmend auseinander, sodass Sorgende als Indivi- duen diese Kluft überbrücken müssen, wollen sie ethischen Ansprüchen personenbezogener Zuwen- dung entsprechen. Eine subjektorientierte Sorgetätigkeit braucht ne- ben Fachkenntnissen eine eigene Logik, welche die Grenzen einer Wenn-Dann-Ausrichtung über- schreitet und prozessorientiert Aushandlung, Be- fähigung sowie Empathie in den Mittelpunkt ihrer Rationalitätsvorstellungen rückt – im Gegensatz zu einem resultatorientierten Zweck-Mittel-Denken, das individuelle Bedürfnisse und die Würde um- sorgter Menschen ausspart. Daher ist eine bewusste „Fürsorgerationalität“ nach Kari Waerness (2000) besonders bedeutend und auf Verständigung und Abstimmung von Bedürfnissen und Sichtweisen ausgerichtet, deren Umsetzung einer ausreichenden Gestaltungsfreiheit bedarf und die auf Grenzen der Normierungen und Standardisierungen von Sor- getätigkeiten verweist. Die gefühlshafte Seite von Care, ob in privaten oder professionellen Kontexten, bedeutet zum einen, dass Care-Beziehungen auch mit ihren negativen Antei- len bis hin zur Gewaltförmigkeit zu sehen sind und zum anderen, dass aufgrund der tendenziellen Gren- zenlosigkeit von Bedürfnissen ein auszubalancieren- des Spannungsverhältnis von Fürsorge und Selbst- sorge entsteht (Küchenhoff 1999). Zu den Grundgegebenheiten von Care-Beziehungen gehört, dass sie ebenso wenig wie andere Beziehungen ambi- valenzfrei sind, sondern dass eher mit einer erhöhten Ambivalenz zu rechnen ist, da leibseelische Ange- wiesenheit ebenso wenig leicht zu ertragen ist wie die mit der Sorgetätigkeit einhergehende Machtfülle gegenüber Umsorgten, insbesondere bei gleichzeiti- ger Ohnmacht bezogen auf die Rahmenbedingun- gen der Tätigkeit. So kann Fürsorglichkeit den Cha- rakter der Belagerung respektive Bevormundung annehmen oder aber in Gleichgültigkeit und Ver- nachlässigung umschlagen. Schon lange bekannt ist das Maß an Gewalt in der Sorgetätigkeit mit Kin- dern. Erst relativ neu erforscht wird das Maß an Ge- walt in der Pflege (Heitmeyer/Schröttle 2006). Auf- grund der starken emotionalen Belastungen in Care-Tätigkeiten – neben vielen Gratifikationsmög- lichkeiten – bedarf es eines ausreichenden Maßes regenerativer Selbstsorge im Sinne von Auszeiten, Phasen des Wohlergehens und eigener Inanspruch- nahme von Fürsorglichkeit (Eckart 2004). Zusammenfassend zeigt sich, dass es neben not- wendigen Kenntnissen der inneren und äußeren Räume für eine fürsorgliche Praxis bedarf ebenso wie der Selbstsorge. Fürsorge als auch Selbstsorge können eine Ermöglichung im Sinne eines guten Lebens darstellen, aber im Kontext neuer Verwer- tungslogiken und Subjektivierungsweisen können sie auch den Charakter von Zumutungen anneh- men. Denn die derzeitigen gesellschaftlichenTrans- formationsprozesse bringen einen erhöhten Bedarf an Selbststeuerung der Individuen und der teil- weisen Reprivatisierung des Reproduktionsberei- ches hervor (Ludwig 2006). Care als Grundpfeiler Sozialer Arbeit Es ist davon auszugehen, dass Care-Aufgaben zu- nehmen werden aufgrund von mehr alten Men- schen, der Ausweitung frühkindlicher Bildung und
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