Handbuch 5. Auflage
256 Brückner der ständig fortschreitenden Exklusionsprozesse. Auf der Basis neuer Verhandlungen über Verbin- dungen und Grenzen zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre hat Arlie Hochschild (1995) ein Modell für ein soziales System von Care entwickelt, das Care als Recht und als Verantwor- tung in einer „public culture of care“ verankert. Ihr „warm modern model of care“ bezeichnet einen Mix aus Sorge in Institutionen und privaten Kon- texten von Frauen und Männern. Durch diesen Mix und eine entsprechende Vernetzung werden Wünsche nach privater Sorge ebenso ernst genom- men wie eine gleichzeitige gesellschaftliche Teilhabe weiter ermöglicht wird. Die Grenzen persönlicher Entscheidungsfreiheit liegen nach diesem Modell sowohl in jeweiligen ökonomischen Zwängen als auch bei Fragen sozialer Gerechtigkeit, die kollek- tive Lösungen erfordern. Hier setzt der von Giul- lari / Lewis (2005) erweiterte „capability approach“ (Befähigung zu einem menschenwürdigen Leben) an. Dieser unterscheidet zwischen eigenem Wohl- ergehen und zwischenmenschlichem Tätigwerden ( agency ) und schließt ein Abwägen zwischen eige- nen Vorteilen und als richtig erkannten Erforder- nissen ein. Care bedarf demnach eines sozialstaat- lich gesicherten, institutionalisierten Überbaus und kommt ohne ein Maß an Sozialbürokratie nicht aus – aber auch nicht ohne ausreichende staats- bürgerliche Teilhabe –, wenn Gerechtigkeit des Sorgens gewährleistet werden soll. Für Sozial- und Pflegeberufe bedeutet das, Profes- sionalität als Teil einer gerechten öffentlichen Kul- tur des Sorgens zu begreifen, indem die Professio- nen systematisch verknüpft werden mit privater und zivilgesellschaftlicher Sorge einerseits und dem Bereich staatlicher Sozialer Sicherheit andererseits. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Care- Debatte die Grenzen sozialstaatlicher Gerechtig- keitskonstruktionen und die Problematik eines hierarchisierten Geschlechterverhältnisses für eine umfassende Kultur des Sorgens aufzeigt und damit einen Rahmen schafft, in dem sich professionelle Soziale Arbeit verorten kann. Literatur Bettio, F., Simonazzi, A., Villa, P. (2006): Change in Care Regimes and Female Migration: The „care drain“ in the Mediterranean. Journal of European Social Policy 16, 271–285 Brückner, M. (2001): Geschlechterverhältnisse im Span- nungsfeld von Liebe, Fürsorge und Gewalt. In: Brückner, M., Böhnisch, L. (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse, gesell- schaftliche Konstruktionen und Perspektiven ihrer Verän- derung. Juventa, Weinheim/München, 119–178 –, Thiersch, H. (2005): Care und Lebensweltorientierung. In: Thole, W., Cloos, P., Ortmann, F., Strutwolf, V. (Hrsg.): Soziale Arbeit im öffentlichen Raum. VS, Wiesba- den, 137–149 Burau, V., Theobald, H., Blank, R. (2007): Governing Home Care: A Cross-National Comparison. Edward Elger, Chel- tenham Connell, R.W. (2002): The Globalisation of Gender Relati- ons and the Struggle for Gender Democracy. In: Breiten- bach, E., Bürmann, I., Liebsch, K., Mansfeld, C., Micus- Loos, D. (Hrsg.): Geschlechterforschung als Kritik. Kleine, Bielefeld, 87–98 Daly, M., Lewis, J. (2000): The Concept of Social Care and the Analysis of Contemporary Welfare States. British Jour- nal of Sociology 51, 281–298 Dölling, I. (2003): Zwei Wege gesellschaftlicher Modernisie- rung. In: Knapp, G.A., Wetterer, A. (Hrsg.): Achsen der Differenz. Westfälisches Dampfboot, Münster, 73–100 Eckart, Ch. (2004): Fürsorgliche Konflikte. Österreichische Zeitschrift für Soziologie 29, 24–40 Esping-Anderson, G. (1990): The Three Worlds of Welfare Capitalism. Polity, Cambridge Fraser, N. (2001): Die halbierte Gerechtigkeit. Schlüsselbe- griffe des postindustriellen Sozialstaats. Suhrkamp, Frank- furt/M. – (1994): Die Frauen, die Wohlfahrt und die Politik der Be- dürfnisinterpretation. In: Fraser, N. (Hrsg.): Widerspens- tige Praktiken. Suhrkamp, Frankfurt/M., 222–248 Gerhard, U. (2003): „Ein Raum der Freiheit? “ – Ansätze und Perspektiven des Konzepts europäischer Bürgerrechte. Fe- ministische Studien 21, 71–82 – (1997): Atempause oder neuer Anlauf in der Frauenpolitik? Die Frau in unserer Zeit 26, 6–10 Giullari, S., Lewis, J. (2005): The Adult Worker Model Fa- mily, Gender Equality and Care. United Nations Research Institute for Social Development, Social Policy and Deve- lopment Programme. Paper Nr. 19. In: www.unrisd.org/ UNRISD/website/document.nsf/240da49ca467a5 3f80256b4f005ef245/bb78cf0f20c2104fc125 6ff6002ba3f5/$FILE/giullari.pdf, 27.10.2009 Glenn, E.N. (2000): Creating a Caring Society. Contempo- rary Sociology 29, 84–94 Gottschall, K. (2000): Soziale Ungleichheit und Geschlecht. Leske+Budrich, Opladen
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