Handbuch 5. Auflage
Care und Case Management 259 Case Management: Politik und Prozess Ressourcen zur Bewältigung einer humandienst- lichen Aufgabe heranzuziehen, ist die ökonomische Funktion von Case Management. Dabei liegen die Ressourcen einerseits im System der Versorgung und andererseits bei den Adressaten der (medizi- nischen, pflegerischen, sozialen) Versorgung vor. Über die vorhandenen Mittel und Möglichkeiten ist mit den Beteiligten zu disponieren. Das Ver- fahren soll rationell gestaltet sein und zielgerichtet ablaufen. Es hebt die Trennung von fachlicher und wirtschaftlicher Verantwortung, von persönlichem Einsatz und dem Betrieb der Leistungserbringung auf. Deswegen ist das Case Management zu einem bevorzugten Instrument in der Neustrukturierung von personenbezogenen Diensten für Menschen ( human services ) geworden. Das Case Management hat die Aufgabe, eine kom- plexe Problematik zu bewältigen, indem es ver- schiedene Dienstleistungen und andere Hilfen heranzieht. In einigen Anwendungsbereichen wird für Case Management die Bezeichnung Unterstüt- zungsmanagement (Wendt 1991; Wissert 2001), in anderen der Terminus Fallmanagement eingesetzt. Für das generelle, seine verschiedenen Anwendun- gen übergreifende Konzept empfiehlt sich indes, bei dem international üblichen Begriff Case Ma- nagement zu bleiben. Entstanden ist das Verfahren als Methodik des Vor- gehens in der ambulanten Sozialarbeit in den USA in den 1970er Jahren. Nach Entlassung vieler psy- chisch kranker, behinderter und pflegebedürftiger Menschen im Prozess der Deinstitutionalisierung aus stationären Einrichtungen war die Versorgung dieser Menschen in Hinblick auf Wohnen, Arbeit, Gesundheit, soziale Kontakte etc. zu organisieren und unter Heranziehung verschiedener formeller Dienste und freiwilliger Hilfen zu koordinieren. Methodisch genügte die gewohnte professionelle psychosoziale Einzelfallhilfe ( case work ) für diese Aufgabenstellung nicht. Organisatorisch arbeiteten die vorhandenen Dienste und deren Fachkräfte un- koordiniert je für sich, spezialisiert und punktuell und zogen nicht an einem Strang. Zudem war der Komplexität der Versorgungsaufgabe mit einzelnen Akutmaßnahmen nicht nachzukommen; gebraucht wurde ein die formellen dienstlichen und die infor- mellen Bewältigungsmöglichkeiten in einem Kon- tinuum der Versorgung ( continuum of care ) ver- knüpfendes Unterstützungsmanagement (Wendt 1991). Bereits in den 1980er Jahren nahmen sich Organi- sationen der Gesundheitsversorgung in den USA des Verfahrens zur Prozesssteuerung an, weil es in ökonomischer Sicht mehr Effizienz versprach. In Großbritannien führte die Thatcher-Regierung das Case Management im Rahmen ihrer wirkungsori- entierten Neuausrichtung des öffentlichen Sektors ein. Das Handlungskonzept entwickelte sich mit der Zeit international von einem Verfahren der Sozialarbeit zu einem Instrumentarium, das fach- gebietsübergreifend eingesetzt wird – es soll ein koordiniertes und kooperatives Vorgehen in der personenbezogenen Bearbeitung von Aufgaben und der Behandlung von Problemen erreichen. Durch Reformen im Sozial- und Gesundheits- wesen und die darauf bezogene Gesetzgebung for- ciert, wird das Case Management heute in der Beschäftigungsförderung (im Fallmanagement ■ ■ nach SGB II), der (integrierten) medizinischen Versorgung (nach ■ ■ SGB V), der Kinder- und Jugendhilfe (Erziehungshilfen nach ■ ■ SGB VIII), der Rehabilitation Behinderter (nach SGB IX), ■ ■ der Pflege (nach SGB XI) und ■ ■ der Sozialhilfe für bestimmte Problemgruppen ■ ■ (nach SGB XII) angewendet. Das Verfahren und das Management von care beschränken sich nicht auf das Hand- lungsfeld der beruflichen Sozialen Arbeit. Damit stellt sich auch die Frage: Wie verhält sich die Theorie und Praxis des Case Managements zum Selbstverständnis professioneller Sozialarbeit? Zur Klärung dieses Verhältnisses trägt die Unter- scheidung bei, die zwischen Case Management als methodischem Konzept auf der personalen Hand- lungsebene und Case Management als Organisati- ons- oder Systemkonzept in administrativer Funk- tion getroffen werden muss. Schließt Soziale Arbeit ein Sozialmanagement ein, kann sich die Profession auch generell auf ein Case Management verstehen. Der professionellen individuellen Fallführung steht das Management der Fälle im Betrieb der humandienstlichen Versorgung gegenüber. In der Systemsteuerung der Handhabung derjenigen
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