Handbuch 5. Auflage

260 Wendt  Fälle, mit denen ein Leistungsträger oder ein Leis- tungserbringer zu tun bekommt, wird entschie- den, nach welchen Kriterien in welchem Umfang und mit welcher Intensität einzelne Fälle bearbei- tet und begleitet werden und inwieweit dabei die Expertise von Pflegefachkräften, Sozialpädago- gen, Fachärzten oder Vertretern anderer Berufe zum Tragen kommt. Personenbezogen wie systembezogen geht es im Case Management um die wirksame Handhabung und Gestaltung von Prozessen . Aber wer auf der Or- ganisationsebene von dem Verfahren spricht, meint nicht ohne Weiteres die professionelle Methodik und den Handlungsablauf im Management eines Einzelfalls, worin bei möglichst weitgehender Ab- stimmung mit dem Nutzer planmäßig, koordiniert und kontrolliert vorgegangen wird. Hat man indes die personenbezogene Methode Case Management im Blick, ist zu bedenken, dass sie in Humandiens- ten nur dann erfolgreich eingesetzt werden kann, wenn sie mit einer Organisationsentwicklung ver- bunden ist. Diese Organisationsentwicklung stimmt die Strukturen der humandienstlichen Versorgung auf die prozessualen Anforderungen des Case Ma- nagements ab und schafft das Netzwerk zur Koor- dination und Kooperation der beteiligten Stellen und Fachkräfte. Das Case Management organisiert als Arbeits- weise das nutzer- und ressourcenorientierte Vor- gehen bei der Unterstützung im Einzelfall syste- matisch in einzelnen Schritten. Es beginnt in der direkten personenbezogenen Arbeit, indem es über das Engagement in einem Fall entscheidet, und endet nach Vereinbarung mit der abschlie- ßenden Feststellung des Erfolgs der gemeinsamen Bemühungen. Ein / eine Case Manager / -in über- nimmt in diesem Prozess die selektierende Funktion eines Türöffners und ■ ■ Lotsen ( gatekeeper ) im Netz der Versorgung, der zwischen Leistungsnehmern, Leistungsträgern und Leistungserbringern eine Versorgung angemessen in die Wege leitet, die vermittelnde Funktion des Maklers ( ■ ■ broker ) von Diensten, der Angebote heranzuziehen, zu er- schließen und für eine Person und ihre Situation passend zuzuschneiden weiß, eine fördernde und unterstützende Funktion ( ■ ■ sup- porting ) in der Begleitung von Klienten durch das Versorgungssystem und eine anwaltliche Funktion ( ■ ■ advocacy ), in der die In- teressen eines Klienten im Versorgungssystem ver- treten, die nötigen Dienstleistungen für Nutzer ver- fügbar gemacht werden und dafür gesorgt wird, dass dem Bedarf entsprochen und die Qualität der Versorgung gesichert wird. Diese Funktionen sind in einzelnen Gebieten der Anwendung von Case Management unterschied- lich ausgeprägt. Das hängt wesentlich davon ab, wo das Verfahren strukturell angesiedelt ist – in einem Jugendamt als Leistungsträger, in einer Be- ratungsstelle oder bei einem Dienstleister, der eine integrierte Versorgung anbietet. Allerdings kann sich hier wie dort nicht eine einzelne Sozialarbeite- rin oder eine einzelne andere Fachkraft in einem Dienst oder in einer Einrichtung für das Case Ma- nagement als „ihre“ Methode entscheiden: Die Organisationsstruktur muss eine kompetente Fall- führung zulassen. Sorge teilen Das Handlungskonzept des Case Managements stand und steht in der beruflichen Sozialarbeit im Verdacht neoliberaler Ökonomisierung der helfen- den Beziehung. Indem es auf Effektivität und Effi- zienz angelegt sei, nehme es den Menschen mit seinen Bedürfnissen nicht wirklich an. Geboten werde eine Technologie, die einem rationellen ko- ordinierten Vorgehen dienlich ist. Diese Einschät- zung des Case Managements ignoriert das innova- tive Potenzial des Handlungskonzepts nachgerade für die Soziale Arbeit. Das individuelle Case Management widmet sich in unspezifischer Weise der ganzen Situation einer Person oder Familie. Sein Gegenstand ist in den meisten Anwendungsgebieten die alltägliche Le- bensführung und das Zurechtkommen mit Pro- blemen in ihr. Ziel ist durchweg ein besseres Er- gehen – im sozialen Umfeld, mit den Kindern, in familiärer Gemeinschaft, im gesundheitlichen Zu- stand, im Wohnen, in der Erwerbsarbeit, in der fi- nanziellen Situation. In den einzelnen Dimensio- nen des Verfahrens teilt ein / eine Case Manager / -in die Sorgen von Klienten in Hinblick auf diese Be- reiche und deren Belastungen, Konflikte und Kri- sen. Die eingehende Beschäftigung damit ergibt sich nachgerade aus der Absicht, managerial erfolg-

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