Handbuch 5. Auflage

265 Demografie Von Marc Luy Gegenstand der Demografie Die Demografie befasst sich mit der Erforschung von Bevölkerungen in Bezug auf ihre Größe und Struktur sowie den entsprechenden zeitlichen Ver- änderungen. Dabei definieren Demografen eine Bevölkerung als Gruppe von Individuen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einem de- finierten geografischen Gebiet am Leben sind. Die Struktur einer Bevölkerung ist die Verteilung ihrer Mitglieder nach Alter, Geschlecht und anderen Charakteristika wie Familienstand, Staatsangehö- rigkeit oder Gesundheitszustand. Die Bevölke- rungsstruktur ist das Resultat der vergangenen Ent- wicklung demografischer Ereignisse wie Geburten, Sterbefälle, Heiraten oder Scheidungen. Das Wort „Demografie“ stammt aus dem Grie- chischen und bedeutet sinngemäß „Beschreibung des Volkes“. Daher wird der Begriff Demografie auch als Synonym für „Bevölkerungswissenschaft“ verwendet. Gerade im deutschsprachigen Bereich wird jedoch von einigen Seiten auf eine inhaltliche Trennung zwischen diesen Begriffen wertgelegt. Nach diesem Verständnis werden die Aufgaben der Demografie eingegrenzt auf die statistische Be- schreibung von Bevölkerungen in Bezug auf ihre Struktur und die in ihnen erfolgenden demogra- fischen Ereignisse. Die Bevölkerungswissenschaft wird dann wesentlich umfassender verstanden als Oberbegriff für die Disziplinen, die sich mit den Ursachen und Konsequenzen demografischer Phä- nomene auseinandersetzen und die Bevölkerung dabei in den Kontext der gesellschaftlichen, politi- schen, wirtschaftlichen und medizinischen Rah- menbedingungen stellen. International trifft man dagegen auch auf die umgekehrte Auffassung, dass die Bevölkerungsforschung einTeil der Demografie ist. Der methodische Zweig der Disziplin wird da- bei mit dem Terminus „formale Demografie“ be- zeichnet, der vielfach bedeutungsgleich mit den Begriffen Bevölkerungsmathematik bzw. Bevölke- rungsstatistik verstanden und verwendet wird. Durch ihr Methodenspektrum und die daraus ent- springenden Indikatoren für die Beschreibung de- mografischer Verhaltensweisen und demografischer Verhältnisse von Bevölkerungen steht die Demo- grafie in direkter Verbindung zu allen Wissen- schaftsdisziplinen, die sich ebenfalls ausschließlich oder in spezifischen Teilbereichen mit Bevölkerun- gen beschäftigen, wie die Soziologie, die Öko- nomie, die Geografie, die Geschichtsforschung, die Medizin, die Psychologie, die Biologie oder die Politikwissenschaft. Diese Verbindung manifestiert sich schließlich in den bevölkerungswissenschaftli- chen Teildisziplinen der Bevölkerungssoziologie, der Bevölkerungsökonomie, der Bevölkerungsgeo- grafie, der Paläodemografie, der Bevölkerungs- geschichte, der Epidemiologie, der Entwicklungs- psychologie, der Populationsbiologie und der Bevölkerungs- bzw. Familienpolitik. Die (formale) Demografie besitzt dabei nicht nur eine Schlüssel- funktion für die einzelnen bevölkerungswissen- schaftlichen Teilbereiche, sie stellt letztlich auch den zentralen Verknüpfungspunkt der sie verbin- denden interdisziplinären Forschung dar. Da auch imTier- und Pflanzenreich demografische Prozesse erforscht werden und demografische Me- thoden zum Einsatz kommen, wird gelegentlich zwischen Human- und Biodemografie unterschie- den. Von letzterer spaltete sich in jüngster Zeit der spezielle Zweig der Evolutionsdemografie ab. Die- ser untersucht demografische Entwicklungen im Zusammenhang mit der Evolutionsgeschichte und verbindet damit letztlich Human- und Biodemo- grafie. Der Schwerpunkt der angewandten demo- grafischen Forschung konzentriert sich jedoch auf menschliche Bevölkerungen. Dies zeigt sich auch daran, dass jüngst populär gewordene Begriffe wie Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art023, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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