Handbuch 5. Auflage

266 Luy  die „demografische Entwicklung“ oder das „demo- grafische Problem“ inhaltlich direkt mit humanen Populationen und den gesellschaftlichen Auswir- kungen der in ihnen erfolgenden demografischen Entwicklungen in Verbindung gebracht werden. In aller Regel befasst sich die Demografie mit Be- völkerungen, die groß genug sind, damit die Ana- lyse der demografischen Prozesse nicht vom spezi- fischen Verhalten einzelner Individuen beeinflusst wird. Dennoch werden demografische Kennziffern im Allgemeinen als beste Beschreibung für das ty- pische Verhalten von Individuen interpretiert, auch wenn sie allenfalls das durchschnittliche Verhalten der Mitglieder einer Bevölkerung wiedergeben. Bei der Untersuchung der gegenwärtigen demogra- fischen Situation konzentriert sich die Demografie vor allem auf die Analyse von Veränderungen de- mografischer Verhaltensweisen und Verhältnisse, so dass die zeitliche Dimension in der demogra- fischen Forschung eine größere Rolle spielt als in den meisten anderen sozialwissenschaftlichen Dis- ziplinen. Durch diese beiden Charakteristika – die Darstellung „typisch“ individuellen Verhaltens ei- nerseits und seine Veränderungen im Kontext so- zialer, ökonomischer und politischer Wandlungen andererseits – stellt die Demografie mit ihren In- dikatoren auch für jene Disziplinen eine bedeu- tende Grundlage dar, die sich vor allem mit den Individuen selbst auseinandersetzen, wie die Sozi- alarbeit und die Sozialpädagogik. Grundlagen und Aufgaben demografischer Forschung Eine Bevölkerung verändert sich in ihrer Zahl und Struktur durch Geburten und Sterbefälle, die so- genannten „Vitalereignisse“. Sofern nicht die ge- samte Weltbevölkerung, sondern bestimmte Teil- populationen betrachtet werden, wie z. B. die Bevölkerung eines Landes, führen auch Wan- derungsbewegungen in bzw. aus der Bevölkerung zu Veränderungen ihrer demografischen Charakte- ristika. Die zu den konkreten Zahlen von Gebur- ten, Sterbefällen und Migranten führenden Pro- zesse der Fertilität (Fruchtbarkeit), Mortalität (Sterblichkeit) und Migration (Wanderung) wer- den auch als „demografische Basisprozesse“ be- zeichnet. Folglich ist die zu einem bestimmten Zeitpunkt vorherrschende Bevölkerungsstruktur das Ergebnis der vergangenen Entwicklung der drei Basisprozesse. Diese sind aber nicht nur die Ursache demografischer Strukturbildung und Ver- änderung, sie werden auch zu einem großen Teil durch die demografischen Gegebenheiten und Entwicklungen selbst beeinflusst oder bewirkt. Für die meisten politisch und gesellschaftlich rele- vanten Fragestellungen sind primär die reinen Be- völkerungszahlen von Interesse, wie die vergangene und zukünftige Anzahl an Geburten, Sterbefällen bzw. der Gesamtbevölkerung oder Teilen davon wie Schüler, Studenten, Erwerbstätige oder Rent- ner. Die Hauptaufgabe der Demografie besteht daher darin, die zu diesen Zahlen führenden de- mografischen Verhaltensweisen durch geeignete Indikatoren zu charakterisieren. Hierfür wurden spezifische demografische Kennziffern entwickelt, wie die als „durchschnittliche Kinderzahl“ inter- pretierte Total Fertility Rate (TFR) oder die durch- schnittliche Lebenserwartung bei Geburt. Letztlich sind derartige Parameter aber nicht so einfach zu interpretieren, wie es ihre Namensgebung ver- spricht. Selbst innerhalb der Demografie wird die- ses Thema intensiv diskutiert, was in der jüngsten Vergangenheit zur Einführung neuer Standardisie- rungskriterien geführt hat (siehe unten). Vor allem durch die politischen, ökonomischen und gesell- schaftlichen Herausforderungen, die durch demo- grafische Entwicklungen hervorgerufen werden, hat sich neben der statistischen Analyse der demo- grafischen Prozesse auch die Prognose zukünftiger Bevölkerungsentwicklungen zu einer weiteren be- deutenden Aufgabe der Demografie herausgebil- det. Konzeptionell unterscheiden sich demografische Ereignisse dadurch, ob sie wie bei der Mortalität nur einmal oder häufiger bzw. gar nicht im Leben auftreten können, wie dies bei der Fertilität, bei Heiraten oder Scheidungen der Fall ist. Prozesse der ersteren Art können allein durch den Zeitpunkt charakterisiert werden, in dem sie (durchschnitt- lich) auftreten. Da demografische Prozesse in Be- zug auf den menschlichen Lebenslauf analysiert werden, entspricht der Zeitpunkt dem Alter des Auftretens des Ereignisses, wie dies z. B. mit der durchschnittlichen Lebenserwartung bei Geburt zum Ausdruck gebracht wird. Wiederholbare Er- eignisse benötigen folglich zwei verschiedenartige Messkonzepte, da neben dem (durchschnittlichen) Zeitpunkt des Ereigniseintritts auch noch seine

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