Handbuch 5. Auflage
268 Luy England und Wales. In den USA lag die Erfassung von Vitalereignissen im Gegensatz zu den für die ganze Nation durchgeführten Zensen im Zuständig- keitsbereich der einzelnen Bundesstaaten. Dadurch verbreitete sich die systematische Erfassung von Ge- burten und Sterbefällen nur langsam über das ge- samte Staatsgebiet, weshalb die demografischen Daten hier regional sehr unterschiedlich weit in die Vergangenheit zurückreichen. Eine ähnliche organi- satorische Situation gibt es im Übrigen bis heute in der Bundesrepublik Deutschland, wo für die Durch- führung der Bevölkerungsstatistik die Bundesländer zuständig sind und die diesbezüglichen Aufgaben des Statistischen Bundesamtes vor allem darin be- stehen, die von den Bundesländern übermittelten Bevölkerungsdaten für das Bundesgebiet zusam- menzufassen. Die Abhängigkeit von diesen Daten- lieferungen führt letztlich dazu, dass die Bevölke- rungsdaten für Deutschland erst mit einer zum Teil erheblichen zeitlichen Verspätung veröffentlicht werden können. In den meisten Entwicklungsländern wurden die ersten Volkszählungen erst während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchgeführt. In eini- gen Ländern Afrikas gab es jedoch bis heute noch keinen einzigen Zensus. Noch schlechter ist die Situation bezüglich der Erfassung der demogra- fischen Ereignisse, die es gegenwärtig nur in den wenigsten asiatischen und in fast keinem afrikani- schen Land gibt. Um dennoch zumindest grobe Informationen über demografische Entwicklung und Familienplanung in diesen Ländern zu erhal- ten, wurden in den letzten Jahrzehnten nationale Surveys (Befragungen) durchgeführt, die sich in den meisten Fällen auf Frauen im reproduktiven Alter konzentrieren und zwischen 5.000 und 10.000 Personen umfassen. Die ersten derartigen Erhebungen waren die so genannten KAP Surveys („On Knowledge, Attitudes, and Practices with Re- gard to Fertility“), die in den Jahren 1962 bis 1973 erfolgten, gefolgt vom World Fertility Survey (WFS) von 1973 bis 1984. Dieser wurde schließlich von den bis heute durchgeführten Demographic and Health Surveys (DHS) abgelöst. Das WFS-Pro- gramm umfasste insgesamt 61 Entwicklungsländer. Die DHS wurden bis zum Jahr 2001 in 69 Län- dern durchgeführt, von denen 45 den DHS zu mindestens zwei Zeitpunkten erhoben. In diesen beiden Programmen wurden auch bestimmte In- formationen zur Sterblichkeit naher Familienange- höriger eingeholt, durch die sich mit spezifischen Analyseverfahren (den sogenannten „indirekten Methoden“) das Mortalitätsniveau der jeweiligen Bevölkerung grob schätzen lässt. In den meisten Fällen genügen die auf diese Weise eingeholten Mortalitätsdaten jedoch allein zur relativ verläss- lichen Schätzung der Säuglings- und Kindersterb- lichkeit. Neben den großen internationalen Befra- gungsprogrammen gibt es auch vereinzelte spezielle Surveys und Bemühungen, im Rahmen von Volks- zählungen demografische Ereignisse in Familien und Haushalten zu erfragen. Vor allem im franzö- sischsprachigen Afrika wurden in den 1950er Jah- ren spezielle demografische Surveys durchgeführt. Etwas später erfolgten dann große Erhebungen in den beiden bevölkerungsreichsten Ländern China und Indien. Durch die Entwicklungen im IT-Bereich und die Verbreitung des Personal Computers wurde es den Demografen möglich, Analysen von Survey- und Zensusdaten selbst durchzuführen und nicht von den nationalen Statistischen Ämtern abhän- gig zu sein. Dies führte zu tiefgründigen Verände- rungen des Wesens der gesamten Wissenschafts- disziplin, das ganz entscheidend von den vorherrschenden Daten- und Rechenkapazitäten geprägt ist. Hinzu kommt, dass seit den 1990er Jahren auch in den entwickelten Ländern eine immer größere Zahl von Surveys zu demogra- fischen Aspekten oder mit demografischen Inhal- ten durchgeführt wird. Da die Grenzen zwischen der Demografie und den bevölkerungswissen- schaftlichen Teildisziplinen fließend sind, be- schäftigen sich immer mehr demografische For- schungsinstitutionen und Einzelforscher auch mit der Analyse der zu demografischen Verhaltens- weisen führenden Faktoren. Inzwischen haben Surveys mit ihrem zum Teil enormen Informati- onsgehalt, wie zum Beispiel die in zahlreichen Ländern durchgeführten Erhebungen des GGP ( Generations and Gender Programme ) und SHARE ( Survey of Health, Ageing and Retirement in Eu- rope ), eine mindestens ebenso große Bedeutung in der demografischen und bevölkerungswissen- schaftlichen Forschung erlangt wie die amtlichen Bevölkerungsdaten. Diese Entwicklung führte letztlich auch zu einer Erweiterung des in der de- mografischen Forschung verwendeten Methoden- spektrums um statistische Verfahren wie der Er- eignisdatenanalyse oder Random-Effects-Modellen .
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