Handbuch 5. Auflage
Demografie 269 Demografische Kennziffern Die größte Bedeutung gewinnt die (formale) De- mografie durch ihren Methodenapparat und die daraus abgeleiteten Kennziffern zur Charakterisie- rung demografischer Verhaltensweisen und Ver- hältnisse. Hierfür gibt es verschiedene Möglich- keiten, wobei die typischerweise herangezogenen Parameter methodisch sehr ähnlich abgeleitet wer- den. Die Grundlage bilden zumeist altersspezi- fische Ereignisraten wie die altersspezifische Ge- burten- oder Sterberate. Dabei werden jeweils die betrachteten Ereignisse (z. B. Geburten oder Ster- befälle), die sich in einem bestimmten Alter bzw. in einer bestimmten Altersgruppe ereignen, bezogen auf die durchschnittliche Bevölkerung derselben Alterseinheit. Die altersspezifischen Ereignisraten werden dann in einem Summenmaß zusammenge- fasst, das alle für das jeweils betrachtete demogra- fische Ereignis relevanten Altersstufen beinhaltet. Im Bereich der Fertilität ist die am häufigsten ver- wendete Kennziffer die Total Fertility Rate (TFR), die meistens als „durchschnittliche Kinderzahl pro Frau“ bezeichnet und interpretiert wird. Für ihre Berechnung werden einfach die altersspezifischen Fertilitätsraten aufsummiert. Gerade im Bereich der Fertilitätsanalyse gibt es aber auch Summen- maße, bei denen demografische Indikatoren für die einzelnen Teilereignisse (Erstgeburten, Zweit- geburten usw.) zusammengefasst werden, wie bei der sogenannten Parity Progression Ratio . Das im Bereich der Mortalität am häufigsten verwendete Maß ist die durchschnittliche Lebenserwartung. Sie wird aus der Sterbetafel abgeleitet, deren Grundlage wiederum die altersspezifischen Sterbe- raten bilden. Diese werden dann so miteinander verknüpft, dass für eine Gesamtheit von Neugebo- renen rekonstruiert werden kann, wie viele von ih- nen ihren ersten, zweiten, dritten usw. Geburtstag erleben. Die für die Berechnung demografischer Maße wie die TFR oder die durchschnittliche Lebenserwar- tung erforderlichen Ereignisraten können in zwei unterschiedlichen Perspektiven ermittelt werden: in Kohorten- und in Periodenperspektive . In der Be- rechnung der Kennziffern und der Präsentation der Ergebnisse sind beide Typen identisch. Jedoch sind die Datengrundlagen von Kohorten- und Peri- odenbetrachtung und der jeweilige zeitliche Be- zugsrahmen, aus dem die Daten für die Berech- nungen stammen, völlig verschieden. Erstere ist die eigentlich logisch richtige Methode, da bei ihr alle in einem bestimmten Zeitraum geborenen Indivi- duen über ihre gesamte Lebenszeit beobachtet werden, um aus ihren Lebensdaten die tatsäch- lichen demografischen Verhaltensweisen und Er- fahrungen des betrachteten Geburtsjahrgangs zu rekonstruieren. In der Kohortenperspektive haben daher auch die Parameter im Sinne von „durch- schnittlicher Kinderzahl“ oder „durchschnittlicher Lebenserwartung“ eine reale Bedeutung. In der Praxis ist es allerdings sehr schwer, echte Ko- hortendaten zu erhalten bzw. zu rekonstruieren. Ein weiteres Problem der Kohortenanalyse ist, dass sie erst dann komplett fertig gestellt werden kann, wenn das letzte Ereignis des betrachteten Geburtsjahr- gangs stattgefunden hat, was bei der Fertilität etwa 50Jahre nach Geburt der Kohorte und bei der Mor- talität sogar erst nach 100 bis 110 Jahren der Fall ist. Die Kohortenperspektive ist daher nicht geeignet, eine gegenwartsnahe Beschreibung demografischer Gegebenheiten zu liefern. Vor allem deshalb erfol- gen die meisten demografischen Analysen in Peri- odenperspektive. Diese gibt im Gegensatz zur Längsschnittbetrachtung der Kohortenanalyse einen Querschnittsblick auf die demografischen Verhält- nisse einer Bevölkerung während eines Kalender- jahres (oder manchmal auch einer mehrjährigen Pe- riode). Dabei wird so vorgegangen, dass aus allen im Beobachtungszeitraum lebenden Individuen und der von ihnen im Beobachtungszeitraum realisierten Ereignisse eine hypothetische Kohorte auf Grund- lage der jeweiligen Periodenraten konstruiert wird. Vereinfacht ausgedrückt veranschaulichen die Peri- odenwerte, welche Konsequenzen die in einem de- finierten Zeitabschnitt vorherrschenden demogra- fischen Verhältnisse auf eine künstlich konstruierte Population haben. Für die richtige Interpretation von Periodenwerten ist dabei wichtig, dass die typi- schen demografischen Parameter wie die TFR oder die durchschnittliche Lebenserwartung aufgrund ihrer Konstruktionsweise altersstandardisierte Pa- rameter sind. In einer realen Bevölkerung wird die Häufigkeit der demografischen Ereignisse ganz entscheidend von ihrem Altersaufbau determiniert, sodass die dadurch hervorgerufenen Altersstruktur- effekte vor allem bei einem Vergleich der demogra- fischen Verhaltensweisen von verschiedenen Popu- lationen oder der demografischen Verhältnisse zu verschiedenen Zeitpunkten störend wirken. Somit
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