Handbuch 5. Auflage

270 Luy  handelt es sich bei den konventionellen Perioden- maßen um ganz spezielle Altersstandardisierungs- verfahren für die in einem definierten Zeitabschnitt vorherrschenden demografischen Gegebenheiten. Es ist daher wichtig, die entsprechenden Parame- terwerte auch nur als derartige Standardisierungs- parameter zu interpretieren. Eine darüber hinaus gehende Bedeutung kann von der Periodenanalyse nicht geliefert werden, da in der Regel keine wirk- liche Kohorte im Verlauf ihres Lebens tatsächlich genau die altersspezifischen Ereignisraten realisiert, die während eines bestimmten Kalenderjahres auf- treten. Häufig werden die Periodenwerte jedoch fälsch- licherweise im Sinne von Kohortenwerten inter- pretiert und verwendet, was den tatsächlichen Zusammenhängen zwischen Perioden- und Ko­ hortenperspektive nicht gerecht wird. So liegen beispielsweise die Periodenwerte für die TFR in Westdeutschland seit mehr als 30 Jahren zwischen 1,3 und 1,4. Tatsächlich gab es jedoch noch keinen Geburtsjahrgang, dessen Fertilität unterhalb von durchschnittlich 1,6 Kindern pro Frau liegt. Ob- wohl 30 Kalenderjahre ziemlich genau der repro- duktiven Lebensspanne einer wirklichen Frauen- kohorte entsprechen, erbringen die während dieser Zeit berechneten Periodenparameter geringere Werte für die durchschnittliche Kinderzahl, als alle während dieser Jahre lebenden Frauenkohorten tatsächlich erbracht haben. Diese Art der Verzer- rung von Periodenwerten geht auf sogenannte Tempo-Effekte zurück, die in der Demografie erst vor Kurzem von John Bongaarts und Griffith Fee- ney beschrieben wurden. Die Bezeichnung Tempo- Effekt beschreibt eine Veränderung von Perioden- raten für demografische Ereignisse, die allein aus einer während der Beobachtungsperiode stattfin- denden Veränderung des Durchschnittsalters bei Eintritt des Ereignisses resultiert. Dabei führen eine Erhöhung des Durchschnittsalters zu einer Tempo-Effekt-bedingten Reduktion und die Ver- ringerung des Durchschnittsalters zu einer Tempo- Effekt-bedingten Erhöhung der Periodenraten. Da demografische Periodenraten immer mit dem Ziel berechnet werden, die Häufigkeit des betrachteten Ereignisses während der Beobachtungsperiode im Sinne „gegenwärtiger Verhaltensweisen und Erfah- rungen“ zu quantifizieren, müssen Tempo-Effekte, ebenso wie Altersstruktureffekte, als ungewünschte Verzerrung angesehen werden. Dies gilt folglich auch für alle aus demografischen Periodenraten abgeleiteten Summenmaße, wie die TFR oder die durchschnittliche Lebenserwartung. Bei der Verwendung von demografischen Kennzif- fern in der praktischen Arbeit von Sozialarbeitern oder Politikern sollte also immer berücksichtigt werden, dass die konventionellen Periodenwerte nur bedingt geeignet sind, um die tatsächlichen demo- grafischen Verhaltensweisen von Individuen zu cha- rakterisieren. Dies gilt vor allem dann, wenn sich das Durchschnittsalter des Eintritts demografischer Ereignisse verändert, was in fast allen Ländern so- wohl bei der Fertilität als auch bei der Mortalität der Fall ist, und zwar in verschiedenen Regionen in un- terschiedlicher Weise. Zur Abbildung der gegen- wärtigen demografischen Verhältnisse und Verhal- tensweisen sind gerade vor einem derartigen Hintergrund tempostandardisierte Periodenwerte wesentlich geeigneter. Allerdings dürfen auch die tempostandardisierten Werte nicht als Kohorten- schätzungen missverstanden werden. Sie repräsen- tieren die jeweiligen Periodenverhältnisse, indem sie abbilden, welche demografischen Durchschnitts- werte in einer Bevölkerung resultieren würden, wenn die gegenwärtigen demografischen Verhal- tensweisen konstant bleiben. Die Tempo-Standardi- sierung von demografischen Periodenmaßen erfährt gegenwärtig eine sukzessive Verbreitung in verschie- denen Anwendungsgebieten. Aspekte angewandter demografischer Forschung Zwischen der Mitte des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts vollzog sich in den meisten ent- wickelten Ländern ein „demografischer Übergang“ von hohen Fertilitäts- und Mortalitätsverhältnissen mit geringem Bevölkerungswachstum zu einem Regime mit niedrigen Fertilitäts- und Mortalitäts- verhältnissen und ebenfalls geringem Bevölke- rungswachstum. Da der Rückgang der Mortalität in den meisten Fällen zeitlich vor dem Rückgang der Fertilität erfolgte, war der demografische Über- gang verbunden mit einer Phase raschen und star- ken Bevölkerungswachstums. Seit etwa 1950 lassen sich in den meisten Entwicklungsländern ähnliche Prozesse beobachten. Als eine Folge davon hat sich die Weltbevölkerung während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von rund zweieinhalb Milli-

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