Handbuch 5. Auflage

Abweichendes Verhalten 27 der Gesellschaft hinein hat sich ein gesellschaftli- ches Kontrollklima im Banne von Sicherheitsden- ken und sozialer Abstiegsangst entwickelt, das eher von Abwehr als von Verständnis bestimmt ist (Gar- land 2001; Hess et al. 2007). Für die Sozialpädago- gik / Sozialarbeit, die darauf angewiesen ist, dass ihre Interventionspolitik des Verstehens und der Resozialisierung in der Bevölkerung mitgetragen wird, kann dies bedeuten, dass sie wieder gesell- schaftlich marginalisiert wird. Der Bewältigungsansatz Angesichts dieses komplexen Bedingungsgefüges Abweichenden Verhaltens, wie es bisher skizziert wurde, braucht die Sozialpädagogik / Sozialarbeit einen eigenen paradigmatischen Zugang, von dem aus sie die psychologischen, soziologischen, kri- minologischen und sozialpolitischen Bezüge für sich ordnen und gewichten und so in ihren Diskurszusammenhang integrieren kann. In die- sem Sinne hat der interdisziplinär angelegte Be­ wältigungsansatz (Böhnisch 2010) eine breite Aufnahme in der sozialpädagogischen Fachdis- kussion gefunden. Der Bewältigungsansatz fußt auf der Annahme, dass im Abweichenden Verhal- ten „Botschaften“ der Betroffenen verschlüsselt sind, die auf kritische Lebenskonstellationen ver- weisen. Lebenskonstellationen werden von den Subjekten dann als kritisch erlebt, wenn das psy- chosoziale Gleichgewicht – in den aufeinander be- zogenen Komponenten von Selbstwert, sozialer An- erkennung und Selbstwirksamkeit  – gestört ist und dabei die bislang verfügbaren personalen und so- zialen Ressourcen der Bewältigung nicht mehr aus- reichen (Filipp 2007). In der weiterführenden These wird daher als plausibel angenommen, dass Abweichendes Verhalten ein Handeln in der Span- nung zu diesen prekären Konstellationen darstellt. Abweichendes Verhalten wird in dieser Interpreta- tion dann eintreten, wenn konforme Mittel der Bewältigung der kritischen Konstellation (vor al- lem ihrer Thematisierung und die damit verbunde- nen Zugänge zu Beratung und Unterstützung) nicht oder nicht mehr verfügbar sind, um situative und biografische Handlungsfähigkeit zu erreichen. Abweichendes Verhalten wird in diesem Sinne als Bewältigungsverhalten gesehen, das nach Hand- lungsfähigkeit um „jeden Preis“ – eben auch abseits der geltenden Norm – strebt. Die Sozialpädago- gik / Sozialarbeit sucht ihren Zugang zu Abwei- chendem Verhalten entsprechend nicht primär über die Normverletzung, sondern in den biogra- fischen Betroffenheiten und sozialen Umständen, aus denen heraus sich Abweichendes Verhalten entwickelt haben könnte. In der soziologischen Dimension des Bewältigungs- modells sind es vor allem Probleme der sozialen Des- integration, die sich biografisch vermitteln und eine HintergrundkonstellationAbweichendenVerhaltens dann entfalten können, wenn die Betroffenen sich in einer psychosozialen Verfassung befinden, in der das Streben nach Handlungsfähigkeit nicht mehr Normkonform regulierbar ist. Solche Desintegrati- onsprobleme sind im Fokus sozialstruktureller, in- stitutioneller und familialer Desintegrationsprozesse und ihrer biografischen Folgen aufzuschließen. Gleichzeitig ist zu beachten, dass das Streben nach unbedingter Handlungsfähigkeit (tiefen)psychische Eigendynamiken annimmt, die die Formen Abwei- chenden Verhaltens prägen. Hierbei müssen ge- schlechtsdifferente Bewältigungsmuster genauso analysiert werden, wie der Einfluss gesellschaftlicher Deutungs- und Kontrollmuster auf die Verläufe von Devianz. In diesen Zusammenhängen wird auch deutlich, dass gerade devianzriskantes Streben nach Handlungsfähigkeit sich seine entsprechenden so- zialen Orte „sucht“, umwirksamwerden zu können. Hier sind vor allem gruppendynamische – subkul- turelle – Bezüge zu thematisieren. Abweichendes Verhalten ist also eingebettet in ein Wechselspiel psycho- und soziodynamischer Pro- zesse. Diese bilden gleichsam einen inneren und äußeren Kreis. Zum inneren Kreis gehören die psychodynamischen Prozesse, zum äußeren die so- zialstrukturellen und sozialinteraktiven Konstella- tionen, die Abweichendes Verhalten begünstigen können. Anomie, Subkultur, Etikettierung, differenzielle Gelegenheitsstrukturen Im interdisziplinären Zusammenspiel des Devianz- diskurses spielen die soziologischen und sozial­ psychologischen Theorien Abweichenden Verhal- tens seit jeher eine zentrale Rolle. Sie bilden hier gleichsam den äußeren Kreis des Bewältigungs

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