Handbuch 5. Auflage
28 Böhnisch konzeptes. Von diesem her werden sie auch in die sozialpädagogische Fragestellung transformiert: Wie erleben die Betroffenen Gesellschaft, wie wer- den sie in der Bewältigung kritischer Lebenskon- stellationen sozial beeinflusst und geformt. Im Mittelpunkt dieses Devianzdiskurses stehen dabei das Anomie-, das Subkultur- und das Etikettie- rungskonzept, die sozialpsychologischen Konzepte des Risikoverhaltens und der differenziellen Gele- genheiten. Das Anomiekonzept, wie es von Emile Durkheim (1893 / 1987) unter dem Eindruck der Krisen- erlebnisse des ausgehenden 19. Jahrhunderts ent- wickelt wurde (Dörner 1973) gilt bis heute als weitgehendste gesellschaftliche Hintergrundtheo- rie Abweichenden Verhaltens. Anomische Tenden- zen entstehen nach Durkheim vor allem im Ge- folge von ökonomischen Entwicklungsschüben und -brüchen, seien es nun einbrechende Krisen oder Prosperitätsschübe. Sie können bei den Ge- sellschaftsmitgliedern kulturelle und soziale An- passungskrisen hervorrufen, die auch über Abwei- chendes Verhalten – wie Kriminalität und Gewalt, aber auch selbstdestruktives Verhalten bis hin zum Suizid – bewältigt werden. Die mit anomischen Zuständen einhergehende Orientierungslosigkeit der Menschen ist danach sozialstrukturell bedingt: Die strukturelle Diskrepanz zwischen dem, was die Gesellschaft kulturell und sozial vorgibt, und den Mitteln der Individuen, die gesellschaftlichen Ziele zu erreichen, führt zu Anomie und in deren Ge- folge – weil die Individuen damit die Bindung an die Gesellschaft verlieren können – zu Abweichen- dem Verhalten. Das anomische Problem liegt also in der Unübersichtlichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung für den Einzelnen. Abweichendes Verhalten kann damit als eine Form des Anpas- sungsverhaltens an anomische Zustände betrachtet werden (systematisch Merton 1968). Ansatzpunkte für eine Reformulierung der Ano- mietheorie gab und gibt es in der sozialwissen- schaftlichen Diskussion immer wieder. Bohle et al. (1997) haben in einer entsprechenden soziologi- schen Bestandsaufnahme den bleibenden Wert des Konzepts für sozialstrukturelle Analysen heraus- gearbeitet. Mit der anomietheoretisch inspirierten Frage „Was treibt diese Gesellschaft auseinander?“ hat Heitmeyer (1997) einen neuen Anomiediskurs unter den Bedingungen der Postmoderne angesto- ßen. Der anomietheoretische Blick richtet sich da- bei auf die Integrationskrise postmoderner Gesell- schaften, auf das Auseinanderdriften von lebensweltlichen Kontexten und zunehmend sozial entbetteten systemischen Dynamiken (auch Böh- nisch 2010). Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass sich Ab- weichendes Verhalten – besonders bei Jugend- lichen – vor allem unter Gruppen- und Cliquen- druck entwickeln und aufschaukeln kann. Diesen Zusammenhang versucht der sozialwissenschaftli- che Devianzdiskurs mit dem Konzept der Subkultur aufzuklären. Subkulturen sind sozialstrukturelle Mechanismen, die es ermöglichen, dass unterschied- liche, teilweise widersprüchliche und sich auf glei- cher Ebene ausschließende Normen nebeneinander bestehen können. Abweichendes Verhalten tritt ein, wenn die Normen der Subkultur auch dann gegen- über der Gesellschaft vertreten und befolgt werden, wenn sie deren Normen widersprechen, wenn also die Balance zwischen subkultureller und gesamt- gesellschaftlicher Normorientierung nicht mehr ge- geben ist. Dies wurde in der Subkulturforschung (Peters 1997) immer wieder am Beispiel jugend- licher Banden und ihrer Kriminalität demonstriert. Kriminelle Akte – Betrug, Diebstahl, Gewalt – wer- den von der Gesamtgesellschaft verfolgt und sank- tioniert, während sie in der kriminellen Subkultur positiv bewertet sind; in ihnen drückt sich die Gruppe aus, wird der subkulturelle Zusammenhang gestärkt, können sich die Gruppenmitglieder für die Gruppe und in der Gruppe beweisen. Auch hinter vielen Delikten, die von einzelnen Ju- gendlichen begangen werden, stecken die subkul- turelle Gruppennorm und der Cliquendruck. Dass vielen jugendlichen Tätern nach ihrer Tat das Un- rechtsbewusstsein fehlt, hängt damit zusammen, dass für sie nicht der Normbruch im Vordergrund steht, sondern das Ansehen und der Status in der Clique, aus deren subkultureller Dynamik heraus agiert wurde. Der Normbruch wird also von den Jugendlichen angesichts des höheren Wertes der Gruppenkonformität nicht in Kauf genommen, sondern gilt manchmal geradezu als Ausweis der Cliquenzugehörigkeit. Solche subkulturellen Dynamiken lassen sich auch im Alltag beobachten. So ist zum Beispiel die Schule ein Terrain, in der solche Prozesse im Verhältnis von Schulklasse und außerschulischer Gleichaltrigengruppe (Peergroup) ablaufen. Hier ist zu beobachten, dass Normen und Verhaltens-
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