Handbuch 5. Auflage

Demografie 271 arden auf etwas mehr als sechs Milliarden Men- schen erhöht. Da derartige demografische Prozesse eine lang anhaltende Wirkung auf die Bevölke- rungsdynamik haben, wird davon ausgegangen, dass sich die Weltbevölkerung bis zum Ende des 21. Jahrhunderts auf neun bis 16 Milliarden Men- schen erhöhen wird. Thomas Malthus war im 18. Jahrhundert der erste, der systematisch argumentierte, dass hohe Fertilität und damit ein hohes Bevölkerungswachstum eine nachteilige Wirkung auf die ökonomischen Verhält- nisse haben könnte. Er postulierte, dass eine wach- sende Bevölkerung die Grenzen ihrer Nahrungsres- sourcen erreichen würde, was eine hohe Sterblichkeit durch Hungersnöte, Pestwellen und Kriege zur Folge hätte. Obwohl die Menschheitsgeschichte während der beiden letzten Jahrhunderte einen anderen Ver- lauf nahm als den von Malthus prognostizierten, gibt es auch heute noch große Befürchtungen bezüg- lich der ökonomischen und ökologischen Folgen des Bevölkerungswachstums. Dabei sehen gegenwärtig Bevölkerungsökonomen die Konsequenzen desWelt­ bevölkerungswachstums etwas optimistischer als Naturwissenschaftler. Viele Folgen demografischer Prozesse verursachen wichtigen Handlungsbedarf für Politiker und Sozi- alarbeiter, wodurch die angewandte demografische Forschung eine große Bedeutung erlangt. Das Ver- ständnis der Determinanten des Übergangs von hohen zu niedrigen Fertilitäts- und Mortalitätsver- hältnissen und ihrer Wirkungszusammenhänge ist dabei ein ganz zentraler Aspekt. Viele Demografen gehen heute davon aus, dass die traditionellen Er- klärungen durch ökonomische Faktoren und die Einrichtung von Gesundheitsvorsorge- und Fami- lienplanungsprogrammen nicht ausreichen und um ideelle und kulturelle Bestimmungsfaktoren demografischen Verhaltens ergänzt werden müssen. In Industrieländern vollziehen sich dagegen andere demografische Prozesse, die auch zu anderen Kon- sequenzen führen und andere politische und gesell- schaftliche Maßnahmen erfordern. Durch die an- haltend niedrige Fertilität und die kontinuierlich sinkende Mortalität erfahren die entwickelten Län- der eine demografische Alterung ihrer Bevölkerun- gen, die zusammen mit den sie auslösenden Ent- wicklungen im Allgemeinen als demografischer Wandel bezeichnet wird. Ebenso wie Veränderun- gen in Fertilität und Mortalität stellen auch sich ändernde Verhaltensmuster bezüglich Eheschlie- ßung, Ehescheidung und Gesundheit erhebliche Anforderungen an Politik und Sozialarbeit. Generell ist die demografische Arbeit von dem Be- mühen geprägt, die Analysen immer für bezüglich der untersuchten demografischen Aspekte mög- lichst homogene Teilpopulationen durchzuführen. Da sich demografisches Verhalten neben Alter und Geschlecht vor allem schichtspezifisch und regional unterscheidet, sind diesbezüglich getrennte Ana- lysen wichtig für die anwendungsorientierte demo- grafische Forschung. Allerdings stoßen die ent- sprechenden Möglichkeiten hier an die Grenzen der verfügbaren Variabilität amtlicher Bevölke- rungsdaten, was die jüngst erfolgende Konzentra- tion auf alternative Surveydaten erforderlich macht. Bongaarts, J., Feeney, G. (2006): The Quantum and Tempo of Life-cycle Events. Vienna Yearbook of Population Re- search 2006, 115–151 Luy, M. (2009): Empirische Bestandsaufnahme der Bevölke- rungsentwicklung in Ost- und Westdeutschland. In: Schubarth, W., Speck, K. (Hrsg.): Regionale Abwanderung Jugendlicher: Theoretische Analysen, empirische Befunde und politische Gegenstrategien. Juventa, Weinheim Literatur Malthus, T.R. (1798): An Essay on the Principle of Popula- tion, as it Affects the Future Improvement of Society, with Remarks on the Speculations of Mr. Godwin, Mr. Con- dorcet, and Other Writers. 1.Aufl. Johnson, in St. Paul’s Church-yard, London Timæus, I.M. (2000): Demography. In: Gail, M.H., Beni- chou, J. (Hrsg.): Encyclopedia of Epidemiologic Methods. Wiley&Sons, Chichester, 296–300

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