Handbuch 5. Auflage
272 Demokratie Von Helmut Richter Unter (sozial-)pädagogischem Blickwinkel über Demokratie nachzudenken, beinhaltet mindestens ein Doppeltes: eine Begriffsbestimmung und einen Bildungsaspekt (Brumlik 2004). Nun mag es für die Erziehungswissenschaft nicht verwundern, dass unter dem Stichwort der politischen Bildung durchaus von Demokratielernen, aber wenig vom Begriff der Demokratie die Rede ist, weil dies für eine Sache der Politikwissenschaft gehalten werden könnte. Aber damit wäre nicht geklärt, warum bei den Adressaten einer politischen Bildung immer schon ein Verständnis von Demokratie voraus- gesetzt wird, warum es also zum Beispiel in Jugend- surveys immer wieder um die Frage geht: „Bitte sagen Sie mir, wie sehr Sie grundsätzlich für oder grundsätzlich gegen die Idee der Demokratie sind“, und warum danach einzig die Einstellung zur De- mokratie anhand der Prinzipien der Demonstrati- ons- und Meinungsfreiheit sowie des Oppositions- rechts erhoben wird (Gaiser et al. 2009) – wenn diese Fragen nicht auf der Unterstellung gründen, dass alle auch ohne die Politologie und die politi- sche Bildung schon wissen, was Demokratie ist, und dass diejenigen, die der Idee zustimmen, auch schon praktisch Demokraten sind , ohne dass theo- retisch geklärt worden wäre: Wo wird Mensch De- mokrat?, und: Wo kann Mensch Demokrat sein? Im Folgenden wird es darum gehen, diese institu- tionenbezogenen Fragen unter dem Bildungsaspekt historisch zu erfassen und dabei die je unterstellte Begriffsbestimmung in systematischer Absicht zu entfalten, um so zu einer Vermittlung von Theorie und Bildungspraxis zu gelangen. Demokratiebildung in der Bundesrepublik Demokratiebildung ohne Jugendarbeit Im Jahre 2001 beschloss die Bund-Länder-Kommis- sion für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) „vor dem Hintergrund der aktuellen Zu- nahme von Gewalt, Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus und einer seit Jahren zuneh- menden Politik(er)verdrossenheit und Politikdistanz bei Jugendlichen“ (Edelstein/Fauser 2001, 17) für den Zeitraum von 2002 bis 2007 das Modellpro- gramm „Demokratie lernen und leben“. In dem Gutachten, das dem Programm vorausgeschickt worden ist, wird zwar unter der Überschrift „Demo- kratie als Aufgabe und Ziel von Erziehung, Schule und Jugendarbeit“ auch der außerschulische Bereich mit der Jugendarbeit „als Zentrum einer nicht-defi- zitär ausgerichteten Sozialpädagogik“ (Richter 1998, 151) angesprochen, aber im Text nicht wieder the- matisiert. Denn Demokratie wird, entsprechend der Verfassung und den Schulgesetzen, als Aufgabe und Ziel von Erziehung und Schule begriffen. Die Be- gründung für diese Fokussierung auf die Schule lautet: „Die Schule erreicht potentiell alle Jugend- lichen und verfügt damit über besondere Möglich- keiten, Jugendliche zu beeinflussen und zu prägen“ (Edelstein/Fauser 2001, 6). Die Nichtachtung der Jugendarbeit mag in der heutigen bildungspolitischen Diskussionsland- schaft erstaunen. Es ist aber darauf hinzuweisen, dass ein führender wissenschaftlicher Vertreter der Jugendarbeit, Prof. Dr. Richard Münchmeier, Mit- glied der Koordinierungsgruppe des Modellpro- gramms war. Es ist also davon auszugehen, dass diese Nichtachtung dem Selbstverständnis der Ju- gendarbeit nicht grundsätzlich widerspricht. Sie ist Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art024, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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