Handbuch 5. Auflage

Demokratie 273 vielmehr ein wesentliches Moment ihrer Ge- schichte, die ich unter diesem Blickwinkel kurz skizzieren möchte. Jugendarbeit ohne Demokratiebildung Beschränken wir uns bei dieser Skizze auf die Bun- desrepublik Deutschland, so stellte das Bestreben der alliierten Siegermächte, den Neuanfang der Bundesrepublik mit einem Programm zur Re­ education in Demokratie zu begleiten, den histori­ schen Ausgangspunkt dar. Allerdings kann dieses Programm selbst keineswegs schon als Beleg für eine Nichtachtung der Jugendarbeit genommen werden, auch wenn es in Darstellungen aus schu- lischer Sicht so erscheint (Gagel 2005). Denn die insbesondere von den Amerikanern und Englän- dern initiierten Maßnahmen der sog. Umerziehung hatten ihren Schwerpunkt nicht nur in der Schule, sondern bezogen insbesondere auch die außerschu- lische Jugendbildung explizit mit ein. Deshalb ent- standen in der englischen und amerikanischen Be- satzungszone sog. Jugendhöfe , die vor allem die ehrenamtlich in den Jugendverbänden tätigen Ju- gendgruppenleiter demokratisch qualifizieren und damit befähigen sollten, über den Horizont ihrer weltanschaulich geprägten Jugendorganisationen hinauszublicken (Schepp 1963). Gegen dieses Programm und seine Ausgestaltung in Form einer behördlichen offenen Jugendarbeit wandte der neugegründete Deutsche Bundes- jugendring auf seiner ersten Vollversammlung im Jahre 1949 ein, es könne „keine Neutralität in der Persönlichkeitsbildung“ geben, wenn es um „ernst- hafte Bildungsarbeit“ gehe (Schepp 1963, 45). Erst eine Ausbildung der Jugendgruppenleiter durch ihre Verbände gewährleiste, dass die bindungs- und orientierungslose Jugend der Nachkriegszeit nicht durch die offene Jugendarbeit in die „Vermassung“ hineingestoßen werde, sondern in der Mitte einer echten Jugendgemeinschaft ihre „geistige Mitte“ finde: in der Form eines Wertes von letzter Gültig- keit, dem sich alle verbunden wissen (Dannen- mann 1953 / 1983, 31 f.). Für die Jugendhöfe bleibe daher alleine die Aufgabe, „konkrete Praxis- anleitungen für die Jugendgruppenleiter“ (Peter 1996, 26) zu geben. Nicht diese Kritik, wohl aber der Beginn des Kal- ten Krieges zwang die Alliierten in der Folgezeit, ihr Reeducation-Programm durch ein Kooperati- ons-Programm zu ersetzen, um so die rasche Inte- gration der Bundesrepublik in den westlich-kapita- listischen Wirtschaftsraum zu sichern (Gagel 2005, 42). Deshalb konnten die großen Jugendverbände die Jugendgruppenleiterausbildung nun tatsäch- lich in eigener Regie durchführen. Sie sahen sich damit aber zunehmend der innerdeutschen Kritik ausgesetzt, dass von Demokratie keine Rede sein könne, wenn die Weltanschauung schon vorgege- ben und höchstens noch „in einem exekutiven Sinne“ (Giesecke 1973, 90) umgesetzt werde. Um sich von dem Verdacht zu befreien, dass die Weltanschauungsfixierung zu einer Neuauflage des jugendbewegten Strebens nach einem „autonomen Jugendreich“ führen könne, und um dem erkenn- baren Abschwung der Mitgliederzahlen entgegen- zutreten, vollzogen die Jugendverbände im Jahre 1962 in St. Martin einen doppelten Schwenk. Sie bekannten sich zu einer „vergesellschaftete(n) Ju- gendarbeit“ in dem Sinne, dass sie „im Auftrag der großen und repräsentativen Gruppen, Verbände und Institutionen unserer pluralistischen Gesell- schaft geschieht“ (Binder 1962 / 1983, 102), und waren zudem bereit, auch offene Formen der Ju- gendarbeit anzuerkennen, wenn sie denn bei den Jugendlichen „den Wunsch zum Engagement und zur Mitwirkung in Gruppen“ zu entwickeln ver- mögen (Deutscher Bundesjugendring 1962, 121). Aber auch dieser Schwenk führte nicht dazu, dass die „skeptische Generation“ (Schelsky 1957) der 1950er Jahre ihre Distanz zu den sich neu etablie- renden und staatstragenden Institutionen abbaute. Immer mehr an Bedeutung gewann daher die of- fene Jugendarbeit, die den Dominanzanspruch der Jugendverbände und die ihr angediente „Zubrin- gerfunktion“ (Giesecke 1973, 91) zurückwies und stattdessen die Jugendlichen selbst in das Zentrum der Jugendarbeit rückte. Vor diesem Hintergrund verfassten die vier Auto- ren Müller, Kentler, Mollenhauer und Giesecke das Buch „Was ist Jugendarbeit?“ (1964 / 1977), in dem – dem Zeitgeist entsprechend – vor allem der offenen Jugendarbeit das Wort geredet wird. Dass aber die Begriffe Demokratie und Demokratiebil- dung gar nicht angesprochen werden, ist damit noch nicht erklärt. Ebenso wenig, dass sich diese Ausblendung fortsetzt in der von Böhnisch und Münchmeier als aktualisierter Folgeband kon- zipierten Veröffentlichung „Wozu Jugendarbeit?“

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