Handbuch 5. Auflage

276 H. Richter  immer schon in den Inhalten der Weltanschau- ungen enthalten sind, und wissen, dass Formen nicht ohne Inhalte hervortreten. So nivelliert, wären also die gesellschaftstheoreti- schen Einwände gegen ein exklusives schulisches Demokratielernen scheinbar entkräftet. Dies gilt umso mehr, als es schon John Dewey gewesen ist, der das Schulleben als „embryonic community life“ (Dewey 1900 / 1925, 29) und das schulische Ler- nen als Einübung in eine harmonische Demokratie verstanden wissen wollte. Und das damit einher- gehende Verständnis, dass möglichst alle gesell- schaftlichen Bereiche, insbesondere die Betriebe, zu demokratisieren seien, wird auch heute noch in vielen beteiligungszentrierten Demokratietheorien geteilt. Im Widerspruch dazu steht jedoch Jürgen Haber- mas mit seiner Theorie des kommunikativen Han- delns, wonach die Gesellschaft keineswegs auf die Lebenswelt zu reduzieren, sondern zugleich als ver- ständigungsorientiert vergesellschaftete Lebenswelt und als zweckrational integriertes System – zu dem auch die Schule und der Betrieb zählen – zu kon- zipieren ist (Habermas 1981, Bd. 2, 473). In einer solchen Gesellschaft, die nach Habermas durchaus als deliberative Demokratie zu gestalten ist, kann die Lebenswelt sich mit dem System, insbesondere mit den Inhabern der administrativen Macht, nur aus- einandersetzen, wenn sie ihren in zwangloser Kom- munikation gebildeten gemeinsamen Willen als kommunikative Macht zur Geltung bringt (Haber- mas 1992, 183f.). Wird Gesellschaft aber in dieser Weise ausdifferenziert und werden Schule wie Be- trieb dabei dem System zugeordnet, dann erfordert die Frage, wo Mensch Demokrat wird, eine nicht nur historisch, sondern auch systematisch entfaltete bildungstheoretische Antwort. Verein und Öffentlichkeit Der Überblick über die Geschichte der Demokratie- bildung in der Bundesrepublik hat verdeutlicht, dass die Fokussierung auf die Schule nicht verwundern kann, weil die außerschulische Jugendbildung bzw. die Jugendarbeit die Demokratiebildung seit den 1960er Jahren nicht mehr als ihre eigentliche Auf- gabe aufgefasst hat – von der Familie wegen ihrer blutsbezogenen Bindungen einmal ganz abgesehen. Theoretisch ist dieser Beleg allerdings nicht hinrei- chend. Verständlich aber wird er bei einem Blick auf die breite fachliche Konturierung in der Form von Handbüchern, Studienbüchern oder Grundkursen, die die Erziehungswissenschaft seit den 1990er Jah- ren erfahren hat. Denn diese Konturierung hat auch eine Schattenseite: die Unterbelichtung des Institu- tionenprinzips in Erziehung und Bildung im All- gemeinen und die systematische Ausblendung des Vereins im Besonderen. Für seine Rekonstruktion ist daher wieder ein gesellschaftstheoretischer Rück- bezug erforderlich (Richter 2000). Alexis de Tocqueville war der erste Gesellschafts- theoretiker, der dem Verein in demokratischen Gesellschaften eine zentrale Rolle zugemessen hat: als Institution der Vermittlung von Freiheit und Gleichheit bzw. von Individualismus und Demo- kratie und damit der Verhinderung einer „Tyrannei der Mehrheit“ (Tocqueville 1835 / 1959, Kap. 8). Im nicht-demokratischen Europa des 18. und 19. Jahrhunderts fand dieser Zusammenhang zwi- schen den Vereinsbildungen und dem sittlich-ra- tionalen Ausgleich gesellschaftlicher Verhältnisse durchaus seine Entsprechung. Aber unter den wei- terhin vorherrschenden gottgewollt-aristokrati- schen Verhältnissen blieb die politisch-demokrati- sche Dimension des Bestrebens nach Geselligkeit und Sachorientierung jenseits der Privatsphäre von Familie und Kirche noch theoretisch unbestimmt (Hardtwig 1997, 24). Erst Max Weber ist es dann gewesen, der 1910 in seiner Rede auf dem ersten Deutschen Soziologen- tag in Frankfurt auf diese Zusammenhänge hinwies und den Impuls für vertiefte soziologische Analysen über das Vereinswesen gab. Dabei ging es insbeson- dere um die Frage, wieweit ein Verein ein Spiegelbild der Gesellschaft und insofern in demokratischen Gesellschaften eine oder sogar die Schule der Demo- kratie ist. Wenn in diesem Zusammenhang eine amerikanische Untersuchung aus den 1960er Jahren anhand einer repräsentativen Fünf-Länder-Ver- gleichsstudie zu dem Ergebnis gekommen ist, Ver- einsmitglieder seien die besseren Demokraten (Al- mond/Verba 1963), so kann es allerdings nicht verwundern, dass dieses Ergebnis heute „mehr als zweifelhaft“ (Zimmer 1996, 66) erscheint. Denn dieser Zusammenhang dürfte sich erst erschließen, wenn er über die Kategorie der Öffentlichkeit ver- mittelt wird, wie sie Habermas in seiner Unter- suchung über den „Strukturwandel der Öffentlich- keit“ eingeführt hat.

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