Handbuch 5. Auflage
Demokratie 277 Dabei ist ein Doppeltes zu beachten: Zum einen, dass die Sphäre der Öffentlichkeit immer schon der kommunalen Basis bedurfte, um sich gegenüber der Privatsphäre bzw. einer partikularistisch-welt- anschaulichen Milieuhaftung einerseits und der „Weltöffentlichkeit“ andererseits verorten zu kön- nen (Habermas 1962/1990, 303), d.h. aus heutiger Sicht z.B. der Stadtteile in den Großstädten. Zum anderen, dass die politische Beteiligung, um die es Habermas bei der Teilnahme des Publikums an der kommunalen Öffentlichkeit geht, schon eine Aus- differenzierung des Politischen voraussetzt, die der Pädagogik im Rahmen des Politischen ihren genui- nen Platz zuweist. Pädagogik ist danach der vom Handlungszwang entlastete Diskurs eines kom- munalen, weltanschaulich mehrdimensionalen Pu- blikums unter Anleitung von Experten (oder Kriti- kern), die selber von dem immer auch schon mündigen Publikum durch bessere Argumente ge- bildet werden können. Ein solcher kommunaler und diskursiver Bildungsprozess ist aber eben nur realisierbar in den Öffentlichkeiten lebensweltlich- lokaler Vereine, z.B. auf Mitgliederversammlungen, innerhalb einer Vereinszeitung oder in den Koope- rationsformen von Stadtteilkonferenzen. Erst im Ergebnis eines solchen kommunalen Bildungspro- zesses kann sich das Bedürfnis- und Forderungspro- fil des Publikums entwickeln, das dann unter selbst- bestimmtem politischem Handlungszwang in strategischer Kommunikation mit den Systemakto- ren seine kommunikative Macht und Kompromiss- fähigkeit zu erweisen hat. Mit dieser Einbeziehung und Konkretisierung des Begriffs der Öffentlichkeit können die Vereinsprinzipien anhand folgender Ele- mente bestimmt werden (Bühler et al. 1978, 43): soziale, auf Dauer bestehende Gruppe (bzw. Orga- ■ ■ nisation) freiwillige, formale, nicht ausschließende Mitglied- ■ ■ schaft gemeinsames Vereinsziel ■ ■ Mehrheitsentscheide und Minderheitenschutz ■ ■ demokratisch legitimiertes, ehrenamtliches Mit- ■ ■ gliederhandeln lokale Begrenzung ■ ■ Öffentlichkeit ■ ■ Es sind diese Vereinsprinzipien, die den Verein in ausgezeichneter Weise und in eindeutiger Differenz zur Schule dafür qualifizieren, den Menschen zu- gleich in einer Weltanschauung und/oder Sachori- entierung und zum Demokraten – und das heißt in dem hier entwickelten Begriff von Öffentlichkeit zunächst einmal zum kommunalen Demokraten – zu bilden, und ihn dabei auch immer schon vorausset- zungslos Demokrat sein lassen. Eine solche Bildung ermöglicht es z.B., nicht nur die Regeln von Mehr- heitsentscheidungen kennen zu lernen – wie in der Schule –, sondern als formelles Mitglied mit Betrof- fenheit zu erfahren, überstimmt zu werden, ent- sprechend der Entscheidung mit Überzeugung handeln zu müssen – und ggf. dazu beizutragen, Entscheidungen zu revidieren (Richter et al. 2007). Nun gibt es empirisch zwei Tendenzen, die gegen die exponierte Stellung des Vereins zu sprechen scheinen. Sie ergeben sich daraus, dass die beiden Momente der Sachorientierung und der Gesellig- keit einseitig überbetont werden und in zwei Ex- treme auseinandertreten: Bei Überbetonung der Geselligkeit kann die Tendenz einer Rückentwick- lung zur Ersatz-Familie , bei Überbetonung der Sachorientierung ein Fortschreiten zum Betrieb hervortreten. Diesen Tendenzen ist nur etwas ent- gegenzusetzen, wenn sich die Mitglieder in den Vereinen als Demokraten verhalten und ihre Ver- eine entsprechend gestalten. Eine dritte Tendenz aber, die in unausgesproche- ner Fortsetzung der Nachkriegsdebatte über Ju- gendverbandsarbeit und offene Jugendarbeit im- mer wieder beschworen worden ist: nämlich dass es vorbei sei mit den Vereinen, braucht nach der Mitgliederentwicklung der letzten Jahre wohl endgültig nicht mehr weiter verfolgt zu werden. Vielmehr ist mit der aktuellen Shell-Studie „Ju- gend 2006“ nunmehr festzustellen: „Als wichtigs- ter Sozialraum fungieren in Deutschland die Ver- eine,…“ (Hurrelmann 2006, 126). Darüber hinaus ist noch auf zwei weitere aktuelle Befunde hinzuweisen, die das Verhältnis von Demo- kratie und Verein zu relativieren scheinen: Zum ei- nen der empirische Nachweis in einem Jugendsur- vey, dass Vereinsmitglieder keineswegs die besseren Demokraten seien (Gaiser et al. 2009). Zum ande- ren das Ergebnis der Shell-Studie „Jugend 2002“, dass das gesellschaftliche Engagement der deutschen Jugendlichen auch ohne einen direkten Zusammen- hang mit einer Vereinsmitgliedschaft die 30-Pro- zent-Marke erreicht habe. Beide Befunde können die theoretische Relevanz des Vereins allerdings nicht relativieren. Im ersten
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