Handbuch 5. Auflage
Abweichendes Verhalten 29 weisen, die in der Schulklasse hoch bewertet wer- den – Anpassung an schulische Leistungs- und Ver- haltensnormen –, in der außerschulischen Clique nichts gelten, dagegen das Abweichende Verhalten hoch bewertet wird. Das Subkulturkonzept lässt sich insofern gut auf die Anomietheorie beziehen, indem auch Subkul- turen als Anpassungsmechanismen an anomische Strukturen gesehen werden können (Goffman 1973; Bohnsack et al. 1995). Subkulturelles Ver- halten Jugendlicher ist meist unterlegt durch ein jugendspezifisches Risikoverhalten , das in den Grenzzonen von Devianz und Delinquenz angesie- delt ist. Während der traditionelle Devianzdiskurs sich vor allem auf die besondere subkulturelle Ei- genart und Übergangsdynamik des Jugendalters bezieht, bezieht sich der Begriff des „Risikoverhal- tens“ vor allem darauf, dass ins Jugendalter inzwi- schen zunehmend soziale Bewältigungsprobleme hineinreichen, die eine spannungsreiche Balance von jugendgemäßer Entwicklung und psycho- sozialer Bewältigung erzeugen. Ist diese Balance gestört, kann sich ein brisantes Gemisch von ju- gendkultureller Unwirklichkeit und psychosozialer Überforderung zu Formen des Risikoverhaltens verdichten. Der Begriff des Risikoverhaltens drückt zweierlei aus (dazu Franzkowiak 1989; Raithel 2004). Zum einen signalisiert er, dass die Jugend- zeit sich von der gesellschaftlich eingerichteten Schonphase Jugend hin zur Risikophase Jugend entwickelt hat. Zum anderen ist damit gemeint, dass sich Jugendliche „riskant“ verhalten, das heißt vor allem sich selbst (aber auch andere) in ihrer leibseelischen Integrität gefährden oder diese gar zerstören, weil sie nicht mehr die Grenzen zwischen kulturellem Experiment und sozialem Bewälti- gungsdruck kalkulieren können und somit Opfer einer fortschreitenden gesellschaftlichen Diffusion der Adoleszenz geworden sind. Dieses widerfährt Jungen und Mädchen gleichermaßen, wobei es ge- schlechtstypische Unterschiede gibt: Männliches Risikoverhalten zeigt sich stärker in der Selbst- und Fremdgefährdung nach außen (Alkohol- und Ver- kehrsrausch, Körperverletzung, Randale, Einlassen in Gewaltszenen), weibliches Risikoverhalten rich- tet sich eher nach innen (Medikamentenmiss- brauch, Magersucht). Beide treffen sich in der Drogenkultur (Böhnisch / Funk 2002). Abweichendes Verhalten im Jugendalter (im For- schungsüberblick Baier 2005) gilt als jugendspezi- fisches Übergangsphänomen, die Deliktkurven flachen mit Ausgang des Jugendalters deutlich ab. Bei einer Minderheit verfestigt es sich – so die kri- minologische Persistenzforschung (Lösel 1995; Schumann 2003) – in den Lebenslauf hinein. Hier handelt es sich dann oft um Deliktbiografien, die schon in der Kindheit begannen und sich in der Jugendzeit subkulturell über den Rand der Cli- quenstrukturen verselbstständigen und festigen können. Anomie- und Subkulturtheorien verweisen darauf, dass Menschen nicht „von Haus aus“ deviant oder delinquent sind, sondern dass sich das Faktum der Devianz erst konstituieren muss, um sozial wirk- sam zu werden. Dieser Konstitutionsprozess wird auch maßgeblich von den Instanzen sozialer Kon- trolle gesteuert. Das Kind ist nicht böse, sondern es wird als böse eingestuft, der Jugendliche wird zum Kriminellen „gemacht“, weil seine Tat als kriminell eingestuft wird. Kurzum: „Das Verhalten des De- finitionsadressaten begründet […] Devianz nicht“ (Keckeisen 1974, 32). Es gibt Jugendliche, die für dieselbe Tat bestraft werden und solche, die dafür nicht bestraft werden, ebenso wie es in einer Ge- sellschaft sozial destruktive Praktiken gibt, die ge- ächtet und solche, die toleriert werden. Diese Erkenntnis, dass Kriminalität, Delinquenz und Abweichendes Verhalten letztendlich Ergeb- nisse von Etikettierungs- und Zuschreibungspro- zessen sind, verdanken wir der Theorie des Labeling approach . Die „kritische Kriminologie“ der 1970er Jahre verstand diesen Ansatz als Gegenkonzept, mit dem sie die Täterzentrierung und Personalisie- rung Abweichenden Verhaltens seitens der traditio- nellen Kriminologie radikal in Frage stellte. Sie wollte aufzeigen, dass im Bereich der gesellschaftli- chen Interaktionen und Institutionen Mechanis- men wirken, die Verhalten selektiv „als Abweichen- des Verhalten bewerten, das heißt gleiche Verhaltensweisen sowohl abweichend als auch kon- form“ definieren (Lamnek 1994, 24) und damit die sozialstrukturellen und institutionellen Be dingungen sichtbar machen, unter denen die einen zu Abweichenden gestempelt werden, die anderen (mit vergleichbarem Verhalten) aber nicht. Damit ist der Spielraum des Menschen in der Selbstdefi- nition seines Verhaltens erheblich eingeengt. Dies geht sogar so weit, dass er dem eigenen Erleben zuwider solche Etikettierung übernimmt, sie in- ternalisiert und danach – wie von den Kontroll-
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=