Handbuch 5. Auflage

Diagnostik in der Sozialen Arbeit 283 in diesem Beruf. Mit der stärkeren Reflexion des Verwendungskontextes lassen sich außerdem pro- fessionstheoretische und berufsethische Aspekte umfassender einbeziehen. Diagnosen unterscheiden sich nach dieser Defini- tion von anderen Produkten wissenschaftlicher In- formationsverarbeitung und von anderen Formen von Analysen durch ihre Zielsetzung: Sie sind per definitionem immer auf Entscheidungen in der Praxis bezogen und werden zu deren Begründung und Steuerung erstellt. Sie sind von daher in be- sonderem Maße kontextabhängig und können nicht nur nach den Kriterien der Richtigkeit und Zuverlässigkeit beurteilt werden. Auch die Nütz- lichkeit und Praktikabilität diagnostischer Verfah- ren und ihrer Ergebnisse, also die Unterstützung der Entscheidungsfindung, ist von Bedeutung. Praxisentscheidungen lassen sich nicht nur durch Wissen über eine Ausgangslage, deren vermutliche Entwicklung, ihre Bedingungen und Vorausset- zungen begründen. Sie verlangen auch die Berück- sichtigung fachlicher Wertvorstellungen und be- rufsethischer Standards, um beurteilen zu können, ob geplantes Handeln überhaupt notwendig, sinn- voll und angemessen ist. Diagnostik als Entschei- dungsvorbereitung erfordert damit mehr als zuver- lässige Informationssammlung, theoretisch und empirisch begründete Auswertung und logisch plausible, handlungsbezogene Schlussfolgerungen: Sie muss zugleich den professions- und interventi- onstheoretisch begründeten Prinzipien beruflichen Handelns entsprechen. Auch die Verwendung des Diagnostikbegriffs in diesem umfassenden Verständnis ist in der Sozialen Arbeit noch immer umstritten. Er gilt als ein „na- turwissenschaftlicher“, von „technischem Denken infizierter Begriff“ (Merchel 2005, 26 f.). Daher wird die Gefahr gesehen, dass durch diese „Nor- malisierungstechnologie“ der „Missachtung der Individualität Vorschub“ geleistet wird (Ga- luske / Rosenbauer 2008, 79) und damit persönli- ches, situativ flexibles und empathisches Sich- Einlassen verhindert oder zumindest erschwert wird (Pies / Schrapper 2003). Auch die begriff- liche Tradition der Sozialen Arbeit, die bis auf Alice Salomon zurückreicht (Salomon 1926), bei der „soziale Diagnose“ von Anfang an auf eine andere inhaltliche Füllung zielte, sowie eine ei- genständige Nutzung können aus der Perspektive der Gegner der Verwendung dieses Begriffs nichts gegen solche Assoziationen ausrichten. Seine technologische Suggestivkraft führe in die falsche Richtung, der Begriff sollte daher anderen Pro- fessionen, z. B. den Therapeuten, überlassen wer- den (Merchel 1994; 2005, 28). Für eine Verwen- dung der Begriffe Diagnose und Diagnostik werden von den Vertretern der Gegenposition zum einen professionspolitische Gründe der not- wendigen Positionierung in einem existierenden Diskursfeld, der Nachvollziehbarkeit und Trans- parenz und der einheitlicheren Begrifflichkeit ins Feld geführt (Pantuček 2009a, 44; Schrödter 2009, 70 f.). Der Begriff verdeutliche außerdem nicht nur eine eigenständige Tradition, die bis auf Mary Richmond und Alice Salomon zurück- reicht. In jüngerer Zeit hätten insbesondere her- meneutisch-rekonstruktive Ansätze gezeigt, dass diagnostisches Denken in der Sozialen Arbeit eben nicht auf einem naturwissenschaftlichen Kausalitätsdenken beruhe (Uhlendorff 2002, 587). Eine ganze Reihe von Konzepten und ein damit verbundenes eigenständiges Fachvokabular lasse sich damit verknüpfen. Auch können diag- nostische Verfahren als fachlich legitimierte Kon- zepte die Fachkräfte gegenüber Organisations- konventionen unabhängiger machen (Pantuček 2009a, 44, 120 f.). Es gäbe insofern keinen Grund, diesen Begriff anderen Professionen zu überlassen (auch Bayrisches Landesjugendamt 2001; ZBFS 2009; mehrere Beiträge in Pantuček / Röh 2009). Als alternativer Begriff zu „Diagnostik“ wird z. B. „Fallverstehen“ vorgeschlagen. Damit wird ein- deutig auf die hermeneutische Tradition verwiesen, die eine Rekonstruktion sozialer Abläufe durch die Entschlüsselung des jeweiligen subjektiven Sinns verlangt, den die Beteiligten sozialen Prozessen und Strukturen zuschreiben. Dies erfordert eine dia- logische Erschließung von Sinnzusammenhängen jenseits des technokratischen Einsatzes von Daten- erhebungsverfahren (Jakob 1999, 99, 101). Und nicht zuletzt sind terminologische Koppelungen vorgeschlagen worden, um den spezifischen Ansatz der Diagnostik in der Sozialen Arbeit als einem (auch) dialogischen Bemühen, in dem es (auch) um die sinnverstehende Rekonstruktion fremder Erfahrungen und Lebenswelten geht, bereits in der Begrifflichkeit deutlich zu machen, z. B. „Diagnos- tik / Fallverstehen“ (Ader et al. 2009) oder „diag- nostisches Fallverstehen“. Zunehmend findet au- ßerdem der Terminus „Assessment“ Verwendung,

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