Handbuch 5. Auflage
Diagnostik in der Sozialen Arbeit 285 verbundene mögliche Veränderung der Kooperati- ons- und Interaktionsmuster eine große Rolle. An die Stelle offener, einfühlsamer Gespräche, so wird befürchtet, tritt eine gezielt gesteuerte Informati- onsbeschaffung, die die Dominanz der Experten verstärkt. Verstehen aber könne nicht durch er- kenntnislogische Verfahren sichergestellt werden (wie bei der klassifikatorischen Diagnostik vor- gesehen). Es erfordert ein mitschwingendes Ein- fühlen, das anderen, affektlogischen Gesetzmäßig- keiten folgt (Mollenhauer /Uhlendorff 1992, 23, 26, 29; Müller 2005, 25). Das Verstehen einer an- deren Person beruht auf Mitgefühl und emotiona- ler Nähe (Schrapper 2003, 44 f.; 2008, 81 f.; Mer- chel 2005, 27 f.). Nicht zuletzt deswegen könne ein diagnostischer Prozess nicht wie ein technischer Vorgang ablaufen, der durch standardisierte Ver- fahren zu „objektiven“ und „richtigen“ Ergebnissen führt (Schrapper 2005, 195 f.). Die rekonstruktive Diagnostik beansprucht auch deswegen, dialogischer reagieren zu können, weil sie eher in der Lage sei, das Individuelle wahrzunehmen und sich dann ganz auf das Besondere des Einzel- falles zu konzentrieren. Vernachlässigt wird dabei, dass kein Fall, keine Person, kein Stadtteil, keine soziale Gruppe nur „anders“, nur „einzigartig“ ist. Jeder Einzelfall hat zugleich etwas mit anderen Fäl- len gemeinsam. So teilt jeder Mensch aufgrund be- stimmter biologischer Determinanten, aufgrund seiner Sozialisation in einer bestimmten Gesell- schaft, Kultur und Familie eine Reihe von Merkma- len mit anderen Menschen dieser Gesellschaft. Die Besonderheit des Einzelfalles wird überhaupt erst auf der Folie des „Normalen“, des Üblichen, Erwart- baren und Gemeinsamen als Besonderheit erkenn- bar. Geht man nur von der Einzigartigkeit und Differenz zwischen Menschen aus, so nimmt man sich die Möglichkeit der Reflexion über die Ge- wordenheit und Vergleichbarkeit ihrer Situation und damit der „Entdeckung, dass sie auch zu ei- ner oder mehreren sozialen / kulturellen Katego- rien (Frauen /Männer, Schwarze /Weiße, Rei- che / Arme usw.) gehören, die z. B. gesellschaftlich privilegiert, benachteiligt, verfolgt oder aus- geschlossen werden.“ Staub-Bernasconi (2003, 36). Erkenntnistheoretisch gesehen sind Klassifikationen notwendig und unvermeidbar. Jedes Handeln geht von Bildern der Realität aus, die eine Reduktion von Komplexität erfordern und dabei neben Auswahl- entscheidungen auch Zuschreibungen durch Zu- ordnungen und sprachliche Kennzeichnungen mit sich bringen. Insofern können wir nicht nicht klassi- fizieren. Klassifikationen machen nur dann blind für Ausnahmen und individuelle Varianten, wenn sie nicht als hypothetische Konstrukte begriffen wer- den. Als Hinweise auf bestenfalls wahrscheinliche(re) Entwicklungen, präjuzidieren sie nicht jeden Einzel- fall. Angesichts der „Unhintergehbarkeit“ von Di- agnostik (Schrödter 2003, 85f.) beruht das stigmati- sierende Potenzial klassifikatorisch fundierter Schlussfolgerungen nicht auf der Nutzung klassifi- zierender Typologien, sondern auf der Nutzung un- angemessener Klassifikationssysteme und auf einer wenig validen und reliablen Informationssamm- lung, die falsche Zuordnungen nach sich zieht. Dies ist die Ausgangsthese des integrativen Ansatzes. Von daher lassen sich bestimmte Klassifikationssysteme als „defizitorientiert“ kritisieren, ohne dass damit das klassifizierende Vorgehen insgesamt in Frage ge- stellt wäre (vgl. als Alternative z. B. die Beispiele für ressourcenorientierte Klassifikationsdiagnostik in Schemmel/Schaller 2003). Standardisierte, klassifizierende Verfahren legen auch kein „expertokratisches“ Handeln nahe, das die Kompetenz der KlientInnen als „Experten ihres eigenen Lebens“ gering achtet. Allerdings sind Menschen sich ihrer Bedürfnisse nicht immer be- wusst (z. B. mangels Erfahrung). Sie können sich über sich irren (Schrödter 2003, 92). Und Klien- tInnen wären nicht KlientInnen Sozialer Arbeit, wenn ihre Expertise nicht zumindest teilweise zu wünschen übrig ließe. Gewisse Annäherungen der Positionen ergeben sich in diesem Punkt bei eini- gen Autoren dadurch, dass zum einen die unaus- weichliche Notwendigkeit der Reduktion von Komplexität auch von Vertretern der rekonstrukti- ven Diagnostik gesehen wird und dass zum ande- ren die Kritik einer „expertokratischen Haltung“ in der Diagnostik nicht automatisch mit einem nai- ven Glauben an die Selbstheilungspotenziale der KlientInnen verknüpft wird (z. B. Schrapper 2008, 74 f., 88; Pantuček 2009a, 90 ff.). Klassifikationen (als Erkenntnismittel) führen also nicht zwangsweise zu Stigmatisierung, Entin- dividualisierung, mangelndem Respekt vor Ei- gensinn und subjektiven Relevanzstrukturen oder forschem Überspielen von Ungewissheit und Un- sicherheit. Auch ein „unstrukturiertes“ und inso- fern angeblich „offenes“, Gespräch kann unsensi- bel, ohne Gespür für Rücksichtnahme geführt
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