Handbuch 5. Auflage

Diagnostik in der Sozialen Arbeit 287 Die Subsumtion eines Phänomens unter eine Kate- gorie ist kein algorithmischer Vorgang, der eine eindeutige Zuordnung erlaubt. Die Zuordnung von konkreten Fällen zu den diagnostischen Kate- gorien eines Klassifikationssystems verlangt bei komplexen sozialen und psychischen Phänomenen immer eine eigenständige Entscheidung, ob etwas unter eine gegebene Regel fällt oder nicht (Possehl 2004, 48, 50 f.; Schrödter 2009, 67 f., 70 ff.). Ob das Mindestgewicht eines Säuglings unterschritten wurde, lässt sich durch eindeutige Zuordnungs- regeln festlegen. Aber solche eindeutigen Regeln sind eher die Ausnahme in der Sozialen Arbeit. Selbst die sehr ausdifferenzierte Diagnostik zur Erziehungsfähigkeit der Eltern und zur Situation des Kindes von Jacob /Wahlen enthält überwie- gend Globalkategorien (z. B. „Akzeptanz des Kin- des durch die Eltern“, Jacob /Wahlen 2006, 22). Den Fachkräften bleibt also ein erheblicher Ent- scheidungsspielraum und ihre professionelle Ur- teilskraft wird durch Klassifikationen und andere Formalisierungen der Informationsverarbeitung nicht überflüssig (auch Kindler 2005, 540; Röh 2009, 94). Immer, wenn es um die Anwendung eines gegebenen Allgemeinen (z. B. einer diagnosti- schen Kategorie) auf ein (auszuwählendes) Beson- deres geht oder um das Auffinden eines noch nicht definierten Allgemeinen für ein gegebenes Beson- deres, ist diese Urteilskraft gefragt. Standardisie- rungen (z. B. Übereinkünfte hinsichtlich des In- halts bestimmter Fachbegriffe) können dabei unterstützend wirken. Klassifizierende Termini be- freien die planende und reflektierende Person von der Notwendigkeit, Sachverhalte in ihrer vollen Komplexität mental präsent zu halten. Auch die Zergliederung eines Problems in Teilprobleme oder die Nutzung bewährter Routinen entlasten die Ur- teilskraft (Schrödter 2009, 68). Klassifikatorische und rekonstruktive Ansätze las- sen sich also kombinieren, ohne den partizipativen und individualisierenden Ansatz Sozialer Arbeit zu gefährden (vgl. auch Buttner /Knecht 2008). Wann welche Kombination Sinn macht, verlangt zur Konkretisierung handlungstheoretischer Ausnah- men ein Modell des diagnostischen Prozesses. Eine Skizze dazu wird im nächsten Abschnitt vorgelegt. Überlegungen zu einer Theorie der Diagnostik Eine Theorie der Diagnostik sollte Aussagen ent- halten zur 1. Zielsetzung, 2. zum Gegenstand, 3. zum Verwendungskontext und 4. zu den Gütekri- terien, an denen diagnostisches Fallverstehen ge- messen werden soll. Hierzu erste Überlegungen als Ergänzung der skizzierten erkenntnistheoretischen und handlungstheoretischen Grundlagen eines in- tegrativen Ansatzes. Ziel diagnostischen Fallverstehens ist die Generie- rung und Nutzung von möglichst zuverlässigem Entscheidungswissen, das die Fachkräfte benöti- gen, um ihrer doppelten Aufgabenstellung gerecht zu werden: Unterstützung positiver Veränderungen des Verhaltens von Personen und Veränderung der Verhältnisse, in denen sie leben. Dieses fachliche Verständnis des Auftrags Sozialer Arbeit schlägt sich z. B. auch in der unten dargestellten sozialöko- logischen Orientierung diagnostischen Fallverste- hens nieder. Gegenstand diagnostischen Fallverstehens sind nicht nur die KlientInnen und ihre Lebensbedin- gungen, sondern der diagnostische Prozess und der Handlungskontext des Diagnostikers (Possehl 2004, 48, 60). Er umfasst die Interaktionen der Fachkräfte und der KlientInnen mit ihren Voraus- setzungen und Rahmenbedingungen (ähnlich Pantuček 2009b, 43; Schrapper 2008, 68 ff., 76; Merchel 2008, 110, 127 f.; Ader et al. 2009, 81 f.). Die Einbeziehung der Fachkräfte in die Analyse entspricht einem interaktionstheoretisch und sys- temisch begründeten Verständnis professionellen Handelns, das diesem integrativen Ansatz zu- grunde liegt. Der Beziehung und wechselseitigen Einflussnahme von Fachkraft und KlientIn wird entsprechend erheblicher Einfluss auf das Ergebnis des diagnostischen Prozesses zugeschrieben. Diese schlägt sich z. B. in den Gütekriterien der partizi- pativen Orientierung nieder und führt zur Kom- bination von Verfahren der Fremd- und Selbstein- schätzung. Zum Verwendungskontext : Der diagnostische In- formationsbedarf variiert in der Sozialen Arbeit phasenspezifisch und hängt dabei auch von den Funktionen der Akteursgruppen ab, die im In- terventionsprozess tätig werden. Zentrale diag- nostische Aussagen werden in der Sozialen Arbeit im Austausch der drei Parteien des sogenannten

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=