Handbuch 5. Auflage
Diagnostik in der Sozialen Arbeit 289 Die methodischen Gütekriterien diagnostischen Fallverstehens können sich auf zwei unterschiedli- che Bezugspunkte beziehen: erstens auf fachliche Kriterien der Problembearbeitung, z. B. der an- gemessenen Gestaltung der Kooperation mit KlientInnen und den KooperationspartnerInnen im Hilfesystem, und zweitens auf wissenschaftliche Kriterien der zuverlässigen, präzisen und überprüf- baren Informationsverarbeitung unter Nutzung quantitativer und qualitativer empirischer For- schung. Die Schlussfolgerungen aus den beiden Kriterienbündeln stehen oft in einem erheblichen Spannungszustand. So trägt die Standardisierung der Erhebungsverfahren zur Zuverlässigkeit der Informationsverarbeitung in den untersuchten Be- reichen bei, schränkt aber zugleich die Alltagsnähe, Offenheit und Spontaneität der Begegnung und Kooperation ein, wenn nur solche Verfahren ge- nutzt werden – und dies buchstabengetreu. Einen Ausweg bieten knappe Screeningverfahren mit wenigen, relativ umfassenden Items (Globalskalen, z. B. Karls /Wandrei 1994a und 1994b) und Skip- Regelungen, die begründete Auswahlen erlauben. Im englischsprachigen Raum sind für die Soziale Arbeit neben ca. 500 getesteten diagnostischen In- strumenten (Fischer /Corcoran 2007) auch Scree- ningverfahren des „Rapid Assessment“ mittels psychometrisch getesteter Instrumente publiziert worden (Abell et al. 2009). Eine solche Angebots- fülle vermittelt allerdings noch keine Orientierung. Sie kann sogar zum unreflektierten technokrati- schen Einsatz der Verfahren verführen („Je mehr, je besser, je sicherer“). Zumal auch in den USA Krite- rien für den Einsatz und die Kombination mehr oder minder standardisierter Verfahren unklar und / oder strittig sind. Welche Verfahren angemes- sen sind, lässt sich nicht nur aus wissenschaftlichen Gütekriterien der Objektivität, Reliabilität und Validität ableiten. Ebenso entscheidend ist die Pas- sung zum Verwendungskontext und den damit gege- benen speziellen Funktionen diagnostischer Pro- zesse. Getestete Erhebungsinstrumente erlauben u. a., das relative Gewicht der Subskalen zuverlässiger zu erfassen als bei nicht getesteten Verfahren. So lässt sich dann z. B. die Belastung durch Krankheit oder Behinderung im Vergleich zur Belastung durch fi- nanzielle Engpässe oder soziale Isolation genauer vergleichen. Selbsteinschätzungen der KlientInnen sind dabei ebenso wichtig wie Fremdeinschätzun- gen, aber nur wenige der vorliegenden standardi- sierten Verfahren berücksichtigen durchgängig beide Perspektiven (z. B. das PREDI, Küfner et al. 2006; und PRO-ZIEL, Heiner 2004). Auch die präziseste Erfassung von Problemen und Ressourcen enthält noch keine zwingenden Hin- weise auf Interventionen – außer bei unerlässlichen Schutzmaßnahmen. Entscheidend ist neben dem subjektiven Belastungserleben der KlientInnen vor allem die Ausrichtung ihrer Veränderungsbereit- schaft. Diese zu erkunden, teilweise erst bewusst zu machen, setzt vor allem die Kompetenz der moti- vierenden Gesprächsführung voraus (Miller / Roll- nick 1999). Bei objektiver, reliabler und vor allem valider In- formationsgewinnung steigt die Möglichkeit der Vorhersage bestimmter Verhaltensmuster und die Fachkräfte können sich besser auf die entspre- chenden Eventualitäten vorbereiten – obwohl er- hebliche Irrtumswahrscheinlichkeiten auch bei getesteten Verfahren bestehen bleiben (zu den Schwierigkeiten der Risikodiagnostik z. B. Dee- gener / Körner 2006, 45 f.) In der Sozialen Arbeit existieren viele nützliche Dokumentationsverfahren, Checklisten und Fra- genkataloge als Reflexionsanleitungen und Struk- turierungshilfen (z. B. die Sammlung von Pantuček 2009a, Pantuček / Röh 2009, in der Sozialpsychia- trie Gromann 2001, in der Beratung Klann et al. 2003, für die Arbeit mit Familien Uhlendorff et al. 2006). Dass damit die relevanten Fakten gesam- melt und die plausibelsten Verknüpfungen her- gestellt werden können, ist jedoch nur gewährleis- tet, wennbei der Entwicklung auchdie vorliegenden empirischen Untersuchungen berücksichtigt wur- den. Wird z. B. nicht explizit nach Partnerschafts- gewalt gefragt – ein bedeutsamer Faktor bei Kin- deswohlgefährdung – so wird diese möglicherweise nur erwähnt, nicht genauer beschrieben und ana- lysiert. Am weitesten entwickelt ist in dieser Hin- sicht die Diagnostik im Bereich des Kinderschutzes (z. B. Kindler et al. 2006; Jacob /Wahlen 2006; Deegener /Körner 2006; Deegener et al. 2009; Ziegenhain / Fegert 2007). Evaluationen von be- reits erprobten diagnostischen Verfahren sind noch selten (vgl. aber z. B. BSASFF 2009 – allerdings ohne Bestimmung des Standardmessfehlers). Und nur wenige der überprüften Verfahren sind dabei bisher auch auf Interrater-Reliabilität getestet wor- den, wie z. B. der weiterentwickelte Stuttgarter
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