Handbuch 5. Auflage

30 Böhnisch  instanzen prophezeit – lebt. Er ist dann endlich der Kriminelle geworden, für den man ihn schon im- mer gehalten hat, der ewig scheiternde Jugendliche, der hoffnungslose Schüler. An diesen Beispielen wird sichtbar, dass sich Etikettierungsprozesse nicht nur in strafrechtlich relevanten Ausnahmeberei- chen, sondern auch in sozialen und institutionellen Alltagsprozessen abspielen. Sie werden in der kri- minalsoziologischen Terminologie als sekundäre Devianz bezeichnet. Dieses Hineinschlittern in deviante Zonen hängt dabei gerade auch von den Gelegenheitsstrukturen ab, die vorgefunden werden und zu denen man unterschiedlichen Zugang hat. Dies ist schon in der Subkulturtheorie thematisiert. In den Konzep- ten zum differenziellen Lernen (über differenzielle Gelegenheiten und differenzielle Verstärkungen) wird dies handlungstheoretisch verallgemeinert (Dollinger / Raithel 2006). Den differenziellen An- sätzen liegen sozialisatorische Annahmen zugrunde. Sozialisationstheoretisch begreifen wir Lernen als kulturellen Interaktionsprozess, der sich in diffe- renziellen Sozialkontakten abspielt, in denen aus der bisherigen biografischen Erfahrung heraus ei- nem zugängliche und positiv erscheinende neue Segmente aufgenommen und personal integriert werden. Dies geschieht im Falle Abweichenden Verhaltens im Kontakt mit abweichenden / delin- quenten Sozialgruppen, deren Verhaltensmuster einem leichter zugänglich und biografisch eher plausibel sind als die der sozial konformen Grup- pen, zu denen man ebenfalls – aber beschränk- ten – Zugang hat. Der Antrieb der differenziellen Kontaktaufnahme ist dabei anomisch strukturiert: Es sind meist Jugendliche, deren biografische Ver- mögen nicht ausreichen, um Selbstwert und soziale Anerkennung mit konformen / legitimen Mitteln zu erreichen. Die differenzielle Attraktivität devi- anter Konstellationen entfaltet sich in der Regel in den Signalen, welche sie an das Selbst aussenden. Attraktiv sind sie vor allem, wenn sie Selbstwert- stärkung durch soziale Anerkennung und damit Handlungsfähigkeit verheißt. Wenn diese Signale ankommen, ist es sekundär, ob die gesuchte Bestä- tigung des Selbst durch autoritäre Unterwerfung, kriminelles Gruppenverhalten oder Ausgrenzung Schwächerer erreicht wird. Selbstwert- und Anerkennungsstörungen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die in die Zonen Abweichenden Verhaltens geraten, sind meist mit einer schwierigen biografischen Hypo- thek belastet. Sie haben in ihrem bisherigen Leben kaum Anerkennung für sich selbst und für das was aus ihnen selbst kommt erfahren und weisen des- halb massive Selbstwertstörungen auf, die sie über Auffälligkeiten (als gesuchte deviante Formen der Anerkennung) kompensieren „müssen“. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen frühkindli- chen und späteren Sozialisationsproblemen und dem Bewältigungsverhalten von Kindern und Ju- gendlichen und der Art und Weise, wie sie in devi- anzträchtige Situationen und Konstellationen hi- neingeraten. Für den sozialpädagogischen Zugang zu Abweichendem Verhalten sind hier jene psycho- analytisch rückgebunden Sozialisationskonzepte von Nutzen, wie sie z. B. im Paradigma des „ver- wehrten Selbst“ (Gruen 1993) und dem der „anti- sozialen Tendenz“ (Winnicott 1988) vorliegen. Die Grundlinien der sozialisatorischen Auseinander- setzung mit dem Selbst sind in den frühkindlichen Tiefenstrukturen der Identitätsentwicklung ange- legt. Die lebenslange Thematik der Balance von Bindung und Ablösung, Anziehung und Abstoßung, Geborgenheit und Aussetzung bilden den endoge- nen Grund, aus dem sich Desintegrationsprozesse des Selbst entwickeln und zu abweichenden Hand- lungsdispositionen werden können. Die Grundthese in diesem Zusammenhang lautet: Wenn die innere Balance des Selbst in Interaktion mit der sozialen Umwelt gestört ist, sind devianzfördernde Abspal- tungs-, Projektions- und Abstraktionstendenzen wahrscheinlich. Diese, die Devianzdisposition för- dernden Abspaltungen und empathiefeindlichen Abstraktionen sind Antriebe zur Wiedererlangung der inneren Selbstsicherheit und damit des Selbst- werts und der Handlungsfähigkeit. Auslöser devi- anzfördernder Dynamiken können in diesem Zu- sammenhang ein dauernder unbedingter sozialer Anpassungszwang und damit verbundene einseitige Zurückweisungen und Unterdrückungen der aus dem Selbst kommenden Signale und Antriebe sein. Nicht das Selbst darf im Sozialisationsprozess bedin- gungslos der Umwelt angepasst werden, sondern die Umwelt muss dem Selbst entgegen kommen (Gruen 1993), muss zur „fördernden Umwelt“ (Winnicott

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