Handbuch 5. Auflage
304 Oechler diese an sich „klientengesteuert“ und „klienten- intensiv“ werde (Badura / Gross 1976, 268). Die damit einhergehenden Hoffnungen bezogen sich auf Partizipations- und Demokratisierungsstrate- gien als geeignete Lösung bei Problemen der Er- bringung sozialstaatlicher Leistungen. Aus heuti- ger Perspektive werden diese „sozialpolitischen Perspektiven“ (1976) erst verständlich bei der Be- trachtung der damaligen gesellschaftlichen, politi- schen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Insgesamt war es eine Zeit, die durch optimisti- sche gesellschaftliche Zukunftsvisionen geprägt war und in der durch sozialpolitische Konzepte Bürgerinnen und Bürger aktiviert und motiviert werden sollten, eigene Problemlösungskonzepte zu finden. Neben dieser interaktionistischen Perspektive trat in den 1980er Jahren ein makrosoziologischer Bestim- mungsversuch. Danach sind soziale Dienstleistun- gen „auf die Reproduktion der Formalstrukturen, Verkehrsformen und kulturellen Rahmenbedingun- gen gerichtet, unter denen die materielle Produktion der Gesellschaft stattfindet“ (Berger/Offe 1980, 44), wobei das Problem dieser Gewährleistung sich darstellt als das des Schutzes und der Bewahrung der ausdifferenzierten Elemente der Sozialstruktur und der „Vermittlung“ zwischen ihnen. „Demgemäß ist ein Gütekriterium aller Dienstleistungs- arbeit, dass weder die Individualität und situative Be- sonderheit des ‚Falles‘ zugunsten einer allgemeinen Be- zugsnorm des Handelns wegschematisiert werden dürfen, noch umgekehrt die Besonderheit so maßgeblich werden kann, dass auch von Dritten erwartete Normalzustände nicht zustande kommen.“ (Offe 1987, 175) Anknüpfend an diesen funktionalen Bestimmungs- versuch wird erstmalig Soziale Arbeit als Dienstleis- tung formuliert. Dienstleistungen in der Sozialen Arbeit sind demzufolge bereitgestellte Leistungs- potenziale, die auf die „vorsorgliche Vermeidung und kurative Beseitigung von Normverletzungen gerichtet sind“ und die „Gewährung gesellschaftli- cher Normalzustände“ sicherstellen sollen (Olk 1986). Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Auflösung von Normalitätsvorstellungen im Zuge von Modernisierungsprozessen einerseits und des Gewährleistungsauftrages der Sozialen Arbeit ande- rerseits richteten sich in den 1980er Jahren Über- legungen darauf, die internen Bestimmungsfaktoren der Bereitstellung von sozialen Leistungen im Kon- text von Dienstleistungsorganisationen einer nähe- ren Betrachtung zu unterziehen. Insbesondere durch die Kritik an den traditionellen expertokratischen Formen professioneller Intervention durch die Selbsthilfebewegung gegen Ende der 1970er Jahre (Illich et al. 1979) rücken z.B. Fragen nach den be- sonderen Strukturproblemen, Rationalitätsdilem- mata sozialarbeiterischen Handelns (Olk 1986), Funktionen von Dienstleistungen (Berger /Offe 1980), der spezifischen Eigendynamik von Dienst- leistungsarbeit (Japp 1986) sowie der Inanspruch- nahme sozialer Dienste (Wirth 1982) ins Zentrum wissenschaftlicher Betrachtungen. Die fachlichen Überlegungen, wie professionelles Handeln sich in den qua staatlicher Sozialbürokratie vorgegebenen Rahmenbedingungen entwickeln kann, führten zu Überlegungen einer „alternativen Professionalität“ (Olk 1986), welche jedoch an den grundlegenden Organisationsstrukturen festhielt und lediglich auf andere Organisationsformen und vermehrte Aus- handlungsprozesse zwischen Anbietern und Nach- fragern sozialer Dienstleistungen zielte. Insgesamt kann diese erste Diskurswelle als ein Versuch einer sozialwissenschaftlichen Wendung der vormals eher makroökonomischen Betrachtungsweise von Dienst leistungen, allgemein als eine Aufwertung des Drit- ten Sektors und eine optimistische Beschreibung der Gesellschaft, die sich auf Werte wie Humani sierung und Demokratisierung der Gesellschaft stützt, gesehen werden. Gleichwohl sich das empi- rische Argument eines quantitativen und qualitati- ven Bedeutungszuwachses des Dienstleistungs sektors bewahrheitet zu haben scheint (Züchner 2007, 64; kritisch dazu Galuske 2002), können diese primär gesellschaftstheoretischen Analysen und die „Verheißungen der Dienstleistungsgesell- schaft“ (Gross 1983) als zu optimistisch bezeichnet werden. Auch die funktionale Definition von So- zialer Arbeit in den 1980er Jahren ist aus heutiger Perspektive kritisch zu betrachten, da sie zu einem Zeitpunkt formuliert wird, in der bereits die Grundlagen der sozialstaatlichen Normalitätskon- struktionen zu diffundieren begannen und die von Berger /Offe (1980) beschriebene „Bezugsnorm“ für professionelles Handeln insofern brüchig wird, da nicht mehr eindeutig entscheidbar ist, was als „normal“ bzw. bereits als „abweichendes Verhalten“ geltend ist.
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