Handbuch 5. Auflage

Dienstleistungsorientierung 305 Nichtsdestotrotz erscheint die Dienstleistungsori- entierung in der Sozialen Arbeit ein erster Schritt in Richtung eines neuen professionellen Hand- lungsverständnisses. Die Kritik an der Ausweitung der öffentlich organisierten personenbezogenen Dienstleistungen ist seitdem ein Grundthema der sozialpolitischen Auseinandersetzung und wird im Zuge von neoliberalen Steuerungsstrategien, die den Wettbewerbsstaat im Blick haben, verschärft (Butterwegge 2006). Der ökonomische Dienstleistungsdiskurs der 1990er Jahre Im Gegensatz zu diesem ersten sozialwissenschaftli- chen Diskurs über soziale Dienstleistungen, der vor dem Hintergrund ökonomischen Wachstums und expandierender Staatstätigkeiten stattfand, findet der zweite Diskurs vor demHintergrund fiskalischer Restriktionen und Mindereinnahmen bei steigen- den sozialstaatlichen Ausgaben statt. Ausgangspunkt bildeten über einzelne Organisationen hinaus- gehende Reformbemühungen im Rahmen des New Public Managements. Der in der internationalen Debatte verwendete Begriff des „New Public Ma- nagement“ bündelt unterschiedliche konzeptionelle, verwaltungspolitische Reformstrategien (Schrö- ter/Wollmann 2001). Im Zentrum steht das staatli- che Interesse an Effektivitätssteigerungen und Effi- zienzerhöhungen, die in erster Linie mittels betriebswirtschaftlicher Modelle erzielt werden sol- len (Naschold et al. 1999). Hintergrund dieser um- fassenden Verwaltungsmodernisierung im öffent- lichen Sektor ist eine doppelgleisige Kritik an bestehenden Sozialstaatsmodellen: Das Übermaß an Regulierungen missachte zum einen strukturell die Bedürfnisse, Interessen und Wünsche der Adressa- tinnen und Adressaten sozialstaatlich produzierter Dienstleistungen und die sozialen Dienste würden sich zum anderen ausschließlich mit sich selbst be- schäftigen, was die Anspruchsspirale von Bürgerin- nen und Bürgern hochschraube und öffentliche Ressourcen verschwende. Die Folge waren umfas- sende Umstrukturierungsprozesse im Bereich kom- munaler Sozialstaatlichkeit und sozialer Dienste. Im Vergleich zu früheren Reformbewegungen in den 1970er Jahren (Müller/Otto 1980) zeichnet sich die Verwaltungsmodernisierung der 1990er Jahre durch eine radikale Kritik an der bisherigen angebotsorien- tierten Sozialpolitik aus. Ziel ist, die durch die zen- trale Steuerungsverantwortung bedingten Defizite durch eine leistungsfähige und effektive Steuerung öffentlicher Aufgaben und Ressourcen und durch eine Neujustierung des Verhältnisses von Bürgerin- nen und Bürgern zum Staat zu ersetzen. „Nur über die Stärkung der Marktkräfte sowie die gleich- zeitige Zurückdrängung des interventionistischen Wohl- fahrtsstaates mit seinen verkrusteten Strukturen und dem ‚überzogenen‘ Anspruchsdenken seiner Bürger könnte die nationale Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft ge- stärkt und damit die investitionsanregende Kapitalrenta- bilität verbessert werden.“ (Pilz 2009, 68 f.) Zentrale Kernelemente des New Public Manage- ment, welches in der BRD unter der Bezeichnung „Neues Steuerungsmodell“ eingeführt wurde, sind der Aufbau einer unternehmensähnlichen, dezen- tralen Führungs- und Organisationsstruktur, eine outputorientierte Leistungserstellung sowie För- derung des Wettbewerbsgedankens und der Kun- denorientierung (KGSt 5 / 1993; Jann 2001). Auf- grund der institutionellen Bedingungen und des Föderalismus in der BRD zielten die neuen Steue- rungsformen zunächst auf umfassende Binnenmo- dernisierungen kommunaler Verwaltungen, wie sie sich vor allem in Leistungsbeschreibungen, Enthie- rarchisierungen und Kundenorientierung beschrei- ben lassen. Erst in einem zweiten Schritt wurden weitere Ideen und Vorschläge der internationalen Reformbewegung, wie z. B. Kontraktmanagement, Privatisierung und verstärkte Wettbewerbsorientie- rung, im Zuge des Umbaus des Sozialstaates umge- setzt (für die Soziale Arbeit Olk et al. 2003). Das staatliche Interesse an Effektivitätssteigerungen und Effizienzerhöhungen, die in erster Linie mittels managerieller Techniken erzielt werden sollen, ver- langte von der Sozialen Arbeit zunehmend eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Trends wie auch eine kritische Bilanz ihrer internen Kon- struktionsprinzipien. Mit Blick auf eine stärkere Adressatenorientierung bzw. „Kundenorientierung“ werden aus professioneller Perspektive der politische und administrative Kontext der „Neuen Steue- rungsmodelle“ zunächst analysiert und imHinblick auf eine Verwendbarkeit für das professionelle Han- deln innerhalb der sozialen Organisation diskutiert (Flösser /Otto 1996a; Merchel / Schrapper 1996).

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