Handbuch 5. Auflage
306 Oechler Der Einzug des Dienstleistungsbegriffs und des „Kundengedankens“ in die Soziale Arbeit führte zu unterschiedlichen Deutungen, Interpretationen und Diskursen um eine inhaltliche und vor allem professionstheoretische Füllung des Dienstleis- tungskonzeptes. Relativ ungeachtet der Konsequen- zen der Übertragbarkeit des Kundenbegriffs auf die Soziale Arbeit (zur Kritik Olk 1994; Effinger 1995; Widersprüche 1996; Nüssle 2000) und trotz der Versuche, die Dienstleistungsorientierung aus sei- nen manageriellen Kontexten herauszulösen, zeu- gen die Implementationsprobleme des „Neuen Steuerungsmodells“ innerhalb der Sozialen Arbeit von einer fehlenden Berücksichtung der sozialpäd agogischen Inhalte (zur Bilanzierung der Verwal- tungmodernisierung aus der Perspektive der Kin- der- und Jugendhilfe Otto / Peter 2002). Soziale Arbeit als Dienstleistung Anknüpfend an die sozialpolitischen Herausforde- rungen und unter Berücksichtigung von moderni- sierungstheoretischen Überlegungen (Beck 1986) findet parallel in den 1990er Jahren eine fachpoliti- sche Dienstleistungsdebatte statt (Flösser 1994; Flösser/Otto 1996b; Schaarschuch 1999). Diese Programmatik einer fachlichen und organisatori- schen Neuorientierung der Sozialen Arbeit findet ihren Niederschlag im Neunten Jugendbericht der Bundesregierung (BMFSFJ 1994). Danach geht die Dienstleistungsorientierung in der Sozialen Arbeit über die nachfragegerechten Angebotsstrukturen hinaus. Das den sozialen Dienstleistungen inhärente Dilemma, „einerseits einen (sozial-)staatlichen Auf- trag erfüllen zu müssen und andererseits (individu- elle) Problemlagen durch kompetente Problembear- beitungen bewältigen zu wollen“ (Otto 1991, 183), erfordert eine umfassende Planung und Entwick- lung von Dienstleistungsangeboten. Nicht mehr die einzelnen Organisationsformen und der bisherige Anspruch, innerhalb der die Soziale Arbeit umge- benden strukturellen Rahmenbedingungen an- gemessen zu agieren (zur Lebensweltorientierung Thiersch 2003), prägt die moderne Dienstleistungs- debatte, sondern vielmehr geht es um einen umfas- senden wohlfahrtsstaatlichen Referenzrahmen (Flös- ser/Otto 1996a). „Im Mittelpunkt stehen dabei Situativität und Kontextualität sowie die Optionen und Aktivitäten des nachfragenden Subjekts“ (BMFSFJ 1994, 583). Diese propagierte Hand- lungsform im Rahmen eines Paradigmenwechsels der Sozialen Arbeit hebt die fachliche Notwendig- keit einer prinzipiellen Nachfrageorientierung in der Sozialen Arbeit hervor und betont „ihre wohlfahrts- ökologische Einbindung in zukünftige gesellschaftli- che Aufgaben und Entwicklungen“ (BMFSFJ 1994, 583). In diesem Kontext stehen die Forderungen nach grundsätzlich veränderten Funktionsbestim- mungen und Organisationsmodellen, die flexible, problemangemessene und lebenslagenbezogene Prä- ventions- und Interventionsformen ermöglichen (BMFSFJ 1994, 584). Die Bedürfnisse, Einstellun- gen und sowie individuelle Problemlösungskom- petenzen und Ressourcen der Betroffenen und deren Bedarf an sozialer Unterstützung rücken ins Zen- trum der Dienstleistungserstellung. Die Grundlage für eine derartig dienstleistungsorientierte Soziale Arbeit ist die Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern, die zu einem entscheidenden produktiven Element für die Organisation werden. Die stärkere Adressatenorientierung gegenüber der bisherigen Anbieterposition im wohlfahrtsstaatlichen System rekurriert auf einem gleichgewichtigen Spannungs- verhältnis von Organisation, Profession und Adres- satinnen bzw. Adressaten als Komponenten im Dienstleistungserbringungsprozess (Flösser 1994; BMFSFJ 1994; kritsch May 1994). An dieser Stelle knüpft die fachpolitische Diskussion der 1990er Jahre formal an den ersten sozialwissenschaftlichen Diskurs der 1970er Jahre an. Im Zentrum steht die „Responsivität“ der sozialen Leistungen (Windhoff- Heritiér 1987), welche um eine Reflexivität der An- gebotsseite erweitert wird (Dewe/Otto 2002). Die funktionalistischen Definitionen (Berger /Offe 1980; Olk 1986), wonach eine soziale Dienstleis- tung im Wesentlichen „Vermittlungsarbeit“ ist (Offe 1987, 175), werden von Schaarschuch im Sinne eines professionellen Handlungsmodus er- weitert (Schaarschuch 1996; 1999). „Soziale Arbeit als Dienstleistung im Sozialstaat ist ein professionelles Handlungskonzept, das von der Perspek- tive der nachfragenden Subjekte als produktive Nutzer ausgeht und von diesen gesteuert wird. Sie wird erbracht im Kontext sozialstaatlicher Institutionalisierung mit ihrer spezifischen Form und Rationalität. Ihren zentralen Be- zugspunkt und die sie legitimierende Begründung findet sie in ihrer Ausrichtung auf den Bürgerstatus ihrer Nut- zer.“ (Schaarschuch 1999, 557)
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