Handbuch 5. Auflage

Dienstleistungsorientierung 307 Dieser erweiterte und analytische Bestimmungs- versuch von Dienstleistungen in der Sozialen Ar- beit betont im Sinne einer stärkeren Durchsetzung der Nachfragedimension die Rolle der Produzentin bzw. Produzenten. Damit geht das Verhältnis von Produzent und Konsument im Dienstleistungspro- zess über eine Privilegierung der Nachfrageseite hinaus. „Das Erbringungsverhältnis besteht aus dem Subjekt als Produzent auf der einen und dem Professionellen als Ko-Produzent auf der anderen Seite“ (1996, 90). Schaarschuch führt in diesem Zusammenhang und in Abgrenzung zu den auf Effektivität und effizienzorientierten Modernisie- rungsprozessen im öffentlichen Dienstleistungs- sektor den Begriff des „Nutzers“ bzw. der „Nutze- rin“ ein. IndiesemKonzept steuert die nachfragende Adressatin bzw. der Adressat als „produktive“ Nut- zerin bzw. Nutzer die Dienstleistung (1999). Gleichwohl Schaarschuchs Modell der Dienstleis- tungsorientierung auf eine Analyse gesellschaftli- cher Entwicklungen zurückgeht, vernachlässigt sein normatives Konzept strukturelle Gegebenhei- ten in der Sozialen Arbeit, wie z. B. das Dilemma des doppelten Mandates sowie die verstärkt in die Soziale Arbeit eindringenden ökonomischen Zwänge (zur Kritik Galuske 2002). Betrachtet man die Dienstleistungsdebatte in der Sozialen Arbeit, so lässt sich konstatieren, dass die durch die betriebswirtschaftliche Perspektive for- cierte Privilegierung der Nachfrageseite, die die Dienstleistungsorientierung in der Sozialen Arbeit zunächst beherrscht, professionstheoretische Fra- gen nach den Konsequenzen dieser ideologischen Komponente des „Neuen Steuerungsmodells“ auf- wirft. Darüber hinaus führen sozialpolitische Ent- wicklungen zu einer Akzentverschiebung zu der generellen Frage nach den gesellschaftlich er- wünschten und erforderlichen Möglichkeiten der quantitativen und qualitativen Bereitstellung von sozialen Dienstleistungen. Dienstleistungsorientierung und ihre Folgen für die Soziale Arbeit Rückblickend kann eine breite und vehemente Diskussion des Dienstleistungskonzeptes konsta- tiert werden. Soziale Arbeit als Dienstleistung ist der Versuch, eine moderne Standortbestimmung der Sozialen Arbeit mit einer sozialpolitischen Pro- grammatik zu verknüpfen. Eine konsequente Ori- entierung an den normativen Implikaten des Dienst- leistungsgedankens bildet dabei einen Maßstab für das bislang Erreichte und weist darüber hinaus die Richtung künftiger Optimierungsbemühungen. Hervorzuheben sind die durch die Neuen Steue- rungsmodelle ausgelösten Diskurse um immer noch ungelöste Dilemmata in der Bereitstellung sozialer Hilfen und Unterstützung. Faktisch führte dies zu einer Fülle von organisatorischen Änderun- gen (zur Bilanzierung der Verwaltungsmodernisie- rung Boeßenecker et al. 2001). Die zu verzeichnende Inanspruchnahme des Dienstleistungskonzepts als Metapher für eine um- fassende Neuordnung des Sozialstaates, wie sie im Zuge neoliberal inspirierter Politiken, die in Pro- grammatiken wie dem „Aktivierenden Sozialstaat“ ihren Ausdruck finden, hinterlässt bereits tiefgrei- fende Wirkungen. Zu beobachten ist, dass der Ende der 1990er Jahre geforderte und geförderte Deregulierungs- und Privatisierungsprozess sozialer Leistungen zu einem neuen Verhältnis von öffent- lichen und freien Trägern der Sozialen Arbeit sowie zu seinen Adressaten und Adressatinnen geführt hat (Dahme et al. 2003; Dahme /Wohlfahrt 2008). Die marktanalogen Steuerungsmechanismen auf den sozialen Dienstleistungssektor ziehen eine Spaltung in lukrative und zu subventionierende Unternehmensbereiche (z. B. Kindertageseinrich- tungen versus Heimerziehung) nach sich. Als prekär zu betrachten sind die radikalisierten Nachfrage- und Kundendimensionen sowie ein potenzieller Verlust verbürgter Rechte und An- sprüche für die Adressatinnen und Adressaten, wie sie sich insbesondere gegenwärtig in der Arbeits- marktpolitik darstellen. Trotz dieser Entwicklungen ist die Adaption der Dienstleistungsorientierung für die Soziale Arbeit vor allem den Verheißungen einer neuen Profilie- rung der Sozialen Arbeit geschuldet. Mit Blick auf die Adressatinnen und Adressaten kann fest- gehalten werden, dass in der Verknüpfung des sozialpolitischen Kontextes, einer reflexiven Pro- fessionalität und der Privilegierung der Nachfra- geseite der sozialpolitische als auch professions- bezogene Nährwert der Dienstleistungsdebatte liegt. Die durch das Dienstleistungskonzept im- plizierte Stärkung der Adressatenseite verweist auf die bislang in der Sozialen Arbeit nur unzurei- chend geklärte Frage professioneller Macht im

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