Handbuch 5. Auflage

312  Diskriminierung und Rassismus Von Albert Scherr Sozioökonomische Ungleichheiten, politische Macht- und Herrschaftsverhältnisse sowie Unter- scheidungen ungleicher und ungleichwertiger „Gruppen“ stehen historisch und systematisch in einem wechselseitigen Zusammenhang. Denn die Zuweisung von Positionen im Gefüge der sozialen Klassen und Schichten sowie in Machtverhältnissen ist keine direkte und unmittelbare Folge ökonomi- scher und politischer Strukturen. Diskursive und ideologische Konstruktionen sozialer „Gruppen“ (Rassen, Ethnien, Kulturen, Geschlechter usw.) und damit einhergehende Annahmen darüber, was der für diese angemessene Ort in der gesellschaftlichen Ordnung ist bzw. sein sollte, waren und sind für die Herstellung, Begründung und Rechtfertigung von Über- und Unterordnungsverhältnissen unverzicht- bar. Umgekehrt gilt: Sozioökonomische Benachtei- ligungen und politische Beherrschung führen viel- fach zu Lebensbedingungen und Subjektivierungs- formen sowie sozialen Beziehungen, vor deren Hintergrund sich ideologische Konstrukte der „An- dersartigkeit“ und ggf. der „Minderwertigkeit“ der jeweils Anderen als plausibel darstellen. Die Effekte von Armut, Arbeitslosigkeit, Entrechtung und Ent- mündigung ermöglichen die Zuschreibung von individuellen und kollektiven Eigenschaften, die es als gerechtfertigt oder gar als notwendig erscheinen lassen, dass die anderen sich in der Position vorfin- den, die ihnen zugewiesen ist. Für das Verständnis von Formen der Diskriminie- rung und des Rassismus ist also eine Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen der sozioöko- nomischen Dimension, der Machtdimension und der soziokulturellen bzw. diskursiven Dimension des Zusammenhanges grundlegend, in dem sich Ungleichheiten und diesen korrespondierende Ty- pisierungen und Klassifikationen herstellen. Im Folgenden werden hierfür relevante sozialwis- senschaftliche Theorien und Forschungsergebnisse dargestellt. Dies kann aufgrund der Vielzahl der einschlägigen Analysen nicht in der Form einer umfassenden Rekonstruktion der vorliegenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Dis- kriminierung und Rassismus geschehen. Aus- geklammert wird im Weiteren insbesondere die neuere Rechtsextremismusforschung (s. zum Ver- hältnis von Rassismus- und Rechtsextremismus- forschung Scherr 2009); auf die sozialpsychologi- sche Vorurteilsforschung wird nur mit knappen Anmerkungen eingegangen. Soziale Arbeit, Rassismus und Diskriminierung In Theorien der Sozialen Arbeit werden als für die Disziplin und Profession zentrales Bezugsproblem gewöhnlich einerseits Formen der Hilfsbedürftig- keit gefasst, die aus sozioökonomischer Benachtei- lung resultieren, andererseits Integrationsprobleme, die aus problematischen Sozialisationsbedingungen von Kindern und Jugendlichen sowie aus abwei- chendem Verhalten bzw. den gesellschaftlichen Reaktion auf abweichendes Verhalten resultieren ( → Füssenhäuser /Thiersch, Theorie und Theorie- geschichte Sozialer Arbeit; Bommes / Scherr 2000, 36 ff.). Neuere Theorien der Sozialen Arbeit akzen- tuieren in einer neomarxistischen und / oder system- theoretischen Perspektive ein Verständnis Sozialer Arbeit als Reaktion auf die Teilhabebegrenzungen bzw. die Inklusions- / Exklusionsverhältnisse kapita- listischer bzw. moderner Gesellschaften (Anhorn et al. 2008; Bommes / Scherr 2000, 64 ff.). In diesen und anderen Theoretisierungen Sozialer Arbeit ist zwar wiederkehrend auf die unterschiedli- chen Varianten von Stereotypen und Stigmata hin- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art028, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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