Handbuch 5. Auflage
Diskriminierung und Rassismus 313 gewiesen worden, die zur sozioökonomischen Benachteiligung der Adressaten Sozialer Arbeit hinzukommen. Diese werden in der Regel aber als ein nachträglicher und sekundärer Aspekt betrach- tet. Entsprechend provoziert diese These einer dis- kursiven Konstruktion von Armut und Hilfs- bedürftigkeit immer noch Ablehnung, die mit dem Hinweis auf deren vermeintliche Faktizität begrün- det wird (etwa Staub-Bernasconi 2001, 4). Im Un- terschied dazu fordert eine kommunikations-, dis- kurs- oder ideologietheoretische Perspektive, wie sie mit unterschiedlicher Akzentuierung in Theorien des symbolischen Interaktionismus, in der Luh- mann’schen Systemtheorie, bei Louis Althusser so- wie Michel Foucault entwickelt worden ist, dazu auf, von einer wechselseitigen Bedingtheit von Ge- sellschaftsstruktur einerseits, Semantik, Diskurs bzw. Ideologie andererseits auszugehen (s. als Einführung Maasen 1999). Dies ist für die vorliegende Thema- tik hoch folgenreich: Für die Theorie und Praxis Sozialer Arbeit ist es vor diesem Hintergrund erfor- derlich, über ein objektivistisches Verständnis der Ursachen und der Ausprägungen ihrer Bezugspro- blematik hinauszugehen: In den Blick zu nehmen sind die Semantiken, Diskurse und Ideologien, die im Zusammenwirken mit Ungleichheiten und Macht asymmetrien dazu führen, dass bestimmte Formen der Benachteilung und Ausgrenzung sozialer „Gruppen“ und damit einhergehende Formen von Hilfsbedürftig- keit hervorgebracht und reproduziert werden. Dies be- trifft heterogene Ungleichheits- und Ungleichwer- tigkeitskonstrukte: Rassismus und Ethnisierung, aber auch Altersgruppenkonstruktionen („agism“), Sexismus und Klassismus, d.h. auf Klassenlagen be- zogene Zuschreibungen von individuellen und kol- lektiven Merkmalen, etwa einer Kultur der Armut (Adams et al. 2000; Hooks 2000). Für die Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit ist folglich die Auseinandersetzung mit unterschiedli- chen Formen struktureller (Ökonomie, Recht, Po- litik), institutioneller (Schulen, Betriebe und an- dere Organisationen), medialer sowie alltäglicher Diskriminierung in Interaktionen (s. u.) nicht nur ein zusätzlicher Aspekt, sondern von grundlegen- der Bedeutung. Eine Thematisierung von offen- kundigem Rassismus sowie von Rassismuserfah- rungen in Kontexten der Sozialen Arbeit ist hierfür zwar unverzichtbar, aber nicht hinreichend (Melter 2006). Dabei wäre auch die historische Verstrickung der Sozialen Arbeit in die nationalsozialistische Herr- schaft, ihre Indienstnahme und Selbstinstrumenta- lisierung, die fatale Verknüpfung von Rassen hygiene und sozialer Frage (Otto / Sünker 1989) und die völkisch-rassistische Reorganisation der Jugendarbeit und Jugendpflege (Klönne 1990) als ein unhintergehbarer Bezugspunkt des professio- nellen und disziplinären Selbstverständnisses zu betrachten. Die seit Anfang der 1990er einsetzende, von der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen einer Pädagogik gegen Rechtsextremismus ausgehende, Auseinandersetzung mit Rassismus kann durchaus auch als ein Lernprozess und eine Erfolgsgeschichte der Sozialen Arbeit charakterisiert werden: Sie hat zur Sensibilisierung für rassistische und ethnische Diskriminierung, zur Entwicklung und Veranke- rung von Konzepten antirassistischer und inter- kultureller Pädagogik, insbesondere im Bereich der Jugendbildungs- und Jugendsozialarbeit, sowie zu Ansätzen der interkulturellen Öffnungen der Sozialverwaltungen geführt (s. dazu zuletzt etwa Broden /Mecheril 2007; Gesemann / Roth 2008; GPJE 2008; Molthagen et al. 2008). Rassenkonstruktionen, Rassismen als Form von Diskriminierung In ihrer 1990 erschienenen Studie „Die Schwierig- keit, nicht rassistisch zu sein“ stellen Annita Kal- paka und Nora Räthzel einleitend fest: „Die Diskussion über Rassismus kommt langsam auch in der BRD in Gang. (…) Der Grund für das erwachende Interesse in der deutschen Öffentlichkeit war das schein- bar plötzliche Auftreten rechtsextremer Gruppen… Auf- geschreckt bemerkten viele, dass es in der Bundesrepu- blik doch Rassismus gibt, aber nach wie vor wurde und wird er fast ausschließlich auf seiten rechtsextremer Gruppen gesehen.“ (Kalpaka / Räthzel 1990, 7) Demgegenüber zielt die einflussreiche Studie von Kalpaka und Räthzel darauf, den fehlenden Wider- stand gegen rassistische Positionen bei „der Mehr- heit der deutschen Bevölkerung“ (Kalpaka /Täthzel 1990, 9) zu analysieren. Dazu wird – in Ausei nandersetzung mit der zu diesem Zeitpunkt erheb- lich weiter entwickelten britischen Rassismusfor-
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