Handbuch 5. Auflage
314 Scherr schung – (Hall 1980; Miles 1982) folgende Be- griffsbestimmung vorgeschlagen: „Rassismus ist… die soziale Konstruktion einer be- stimmten Menschengruppe als ‚Rasse‘. Bestimmte (wirk- liche oder behauptete) somatische Merkmale werden als Kennzeichen einer Gruppe definiert und physische Merk- male werden mit bestimmten Verhaltensweisen, Lebens- weisen verknüpft. Die Verknüpfung körperlicher (also biologischer) Merkmale mit sozialen Verhaltensweisen ‚naturalisiert‘ das Soziale.“ (Kalpaka / Räthzel 1990, 13) Diese Bestimmung stimmt weitgehend mit einer Definition überein, die Claude Levi-Strauss vor dem Hintergrund seiner bereits Anfang der 1950er Jahre vorgelegten und damals hoch kontroversen Kritik der tradierten Idee unterschiedlicher Men- schenrassen formuliert hat (s. dazu Levi-Strauss 1989). Die Überzeugung, dass es Rassenunter- schiede gibt sowie dass diese mehr sind als bloß biologische Unterschiede war bis in die 1960er Jahre hinein gesellschaftlich vorherrschend. Dies wird u. a. darin sichtbar, dass die seit 1893 gesetz- lich verankerte Rassentrennung in den USA erst in den 1960er Jahren abgeschafft wurde (formell mit dem Civil Rights Act von 1964) – und dies im Zu- sammenhang mit massiven sozialen Konflikten, bis hin zur Ermordung von Repräsentanten des Bür- gerrechtsbewegung (Medgar Evers, Martin Luther King, Malcolm X). Levi Strauss (1989, 218 ff.) definiert Rassismus durch vier Merkmale: „1. Es besteht eine Korrelation zwischen dem genetischen Erbteil einerseits und den intellektuellen Fähigkeiten und sittlichen Dispositionen andererseits. 2. Dieses genetische Erbteil, vom dem jene Fähigkeiten und Dispositionen abhängen, ist allen Mitgliedern be- stimmter menschlicher Gruppierungen gemeinsam. 3. Diese ‚Rassen‘ genannten Gruppierungen lassen sich im Verhältnis zur Qualität ihres genetischen Erbteils hie- rarchisch gliedern. 4. Diese Unterschiede ermächtigen die sogenannten überlegenen ‚Rassen‘, die anderen zu befehligen, aus- zubeuten und eventuell sogar zu vernichten.“ Rassismus wird hier – und darin stimmen unter- schiedliche Rassismusbegriffe überein – als ein Kon- struktionsprozess verstanden. Dieser umfasst nicht „nur“ individuelle oder kollektive Denkweisen, son- dern ist konstitutiv mit ökonomischen und politischen Über- und Unterordnungsverhältnissen verschränkt. Grundlage hierfür ist das Wissen um die Sozial- geschichte des Rassismus (Priester 2003): Unter- schiedliche Rassismen, so der Rassismus der Skla- verei, der koloniale Rassismus, der völkische Rassismus und der postkoloniale Rassismus haben ihre Funktion und ihre Begründung in den jeweili- gen gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen Un- terschiede und Ungleichheiten faktisch durch so- ziale Trennungen und Unterordnungen hergestellt werden. Die sich nach 1945, zuerst in Reaktion auf den völkisch-rassistischen Antisemitismus des Natio- nalsozialismus (s. dazu Holz 2001, 359 ff.), später dann im Zuge der Entkolonialisierung und der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung artiku- lierende wissenschaftliche und soziale Kritik des biologischen Rassismus bleibt nicht folgenlos: Das Postulat einer angeborenen Unterschiedlichkeit, die über bloß körperliche Merkmale hinausgeht, wird zunehmend delegitimiert (Taguieff 2000, 95 ff.). Sie erweist sich als rational nicht begründ- bar und gilt zunehmend als moralisch inakzepta- bel. Dies führt zwar nicht dazu, dass biologische Ras- sismen umfassend und auch im Alltagsbewusstsein überwunden werden. Sie sind jedoch zunehmend keine politisch und öffentlich legitim beanspruch- bare Argumentationsgrundlage mehr. In den post- faschistischen bzw. postkolonialen Gesellschaften gewinnen – auch aus gesellschaftsstrukturellen Gründen – andere Formen von Differenz- und Fremdheitskonstruktionen als Grundlage und Folge von Diskriminierung an Bedeutung (s. zur Genese und Funktion solcher Konstruktionen Bauman 1999; Scherr 1999; Scherr / Schäuble 2008; Schif- fauer 1997; Waldenfels 1997; s. zur neueren Dis- kriminierungsforschung Hormel / Scherr 2010): Der biologische Rassismus transformiert sich in ei- ■ ■ nen Kulturrassismus und differentialistischen Ras- sismus. Bereits 1955 bei Theodor W. Adorno wird auf der Grundlage einer empirischen Studie no- tiert: „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes
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