Handbuch 5. Auflage
316 Scherr Zentrale Grundlagen für eine solche Analytik liegen bereits in den bislang in der deutschsprachigen Sozio- logie kaum bekannten Beiträgen Herbert Blumers zu den älteren Race-Relations-Studien vor (Blumer 1954, 1961 und 1965). Blumer, häufig als Vertre- ter einer gesellschaftstheoretisch desinteressierten interaktionistischen Soziologie missverstanden, wendet sich explizit gegen eine individual- und sozialpsychologische Sichtweise rassistischer Vor- urteile (Blumer 1961, 217 f.). Er weist zunächst auf zwei grundlegende soziale Voraussetzungen solcher Vorurteile hin: (1) Es bedarf eines Schemas der rassenbezogenen Selbst- und Fremdidentifikation („scheme of racial identification“) sowie (2) einer Vorstellung über die Beziehung zwischen den so konstruierten Gruppen. Rassistische Gruppenkonstruktionen sind Blumer zufolge notwendig relational: „Eine andere rassiali- sierte Gruppe zu charakterisieren heißt, durch Un- terscheidung und Entgegensetzung die eigene Gruppe zu definieren.“ (Blumer 1961, 219; eigene Übersetzung) Blumer fügt einen weiteren zentralen Aspekt hinzu. Im sozialen Prozess der Fremd- und Selbst- definition bildet sich (3) ein „sense of social po- sition“ (Blumer 1961), d. h. ein Sinn für die an- gemessene Stellung der eigenen und der anderen Gruppe im gesellschaftlichen Gefüge heraus. Die- ser „sense of social position“ kann Blumer zufolge nicht hinreichend als „Abbildung der objektiven Beziehungen zwischen rassialisierten Gruppen“ (Blumer 1961, 221) verstanden werden: „Er bringt mehr das zum Ausdruck, was sein soll. Es ist ein Sinn dafür, wo die beiden rassialisierten Gruppen hingehören.“ Und Blumer fügt hinzu: „Auf seine eigene Weise ist der Sinn für Gruppenpositionen eine Norm und eine Vorschrift, eine sehr mächtige.“ Zur relationalen Rassismustheorie Blumers, deren Annahmen auch im Hinblick auf andere Formen von Diskriminierung als gültig, durch die spätere Forschung und Theorieentwicklung bestätigt gel- ten können, gehört ein weiterer zentraler Aspekt: (4) Rassialisierte Beziehungen können nicht an- gemessen als Beziehungen zwischen realen Grup- pen – im Sinne von Gruppen als Zusammenhän- gen zwischen einer begrenzten Zahl von Personen, die einander kennen – verstanden werden. Es handelt sich vielmehr um Beziehungen zwischen „abstrakten Gruppen“ (abstract group), denen ein „abstraktes Bild“ („abstract image“) der unterge- ordeten Gruppe zu Grunde liegt (Blumer 1961, 224). Begreift man Rassismen – und andere diskriminie- rungsrelevante Gruppenkonstruktionen wie Nation, Klasse, Ethnie und Geschlecht – in Anschluss an Blu- mer als Bestandteil imaginärer Beziehungen zwischen imaginären „Gruppen“, dann eröffnet dies eine ge- nuin soziologische Perspektive, die über die sozialpsy- chologische Betrachtung hinausreicht: Diskriminie- rende Gruppenkonstruktionen entstehen nicht nur aus konkreten Konkurrenz- und Konfliktsituationen zwischen Realgruppen, die in der sozialpsychologi- schen Vorurteilsforschung analysiert wurden (dazu grundlegend Tajfel 1982; zum aktuellen For- schungsstand Aronson et al. 2004, 480 ff.). Sie ha- ben ihre Grundlage in gesellschaftlichen Strukturen und Positionszuweisungen sowie den mit diesen ver- schränkten Gruppenkonstruktionen. Damit weitgehend übereinstimmende Überlegun- gen hat Norbert Elias in seiner figurationssoziolo- gischen Untersuchung der Etablierten-Außensei- ter-Beziehung vorgelegt (Elias / Scotson 1993; Elias 1984). Elias argumentiert, dass antisemitische und rassistische Ressentiments insbesondere dann ent- stehen, „wenn eine sozial niedrigstehende, verachtete und stig- matisierte Außenseitergruppe im Begriff ist, nicht nur le- gale, sondern auch soziale Gleichheit zu fordern, wenn deren Mitglieder Positionen in der Mehrheitsgesellschaft einzunehmen beginnen, die ihnen vorher verschlossen waren, und so als gleiche direkt in Konkurrenz zu den Mehrheitsangehörigen treten,…“ (Elias 1984, 51) Elias zeigt darüber hinaus auf, dass Feindbilder und Vorurteile auch zwischen Gruppen gleicher Hautfarbe, Nationalität und ähnlicher Klassenlage entstehen können: als Ergebnis eines Prozesses, in dem Ansässige und Zugewanderte in eine Aus- einandersetzung um knappe Ressourcen und ein- flussreiche Positionen eintreten. Er betont ins- besondere zwei Aspekte: (1) Die Neuankömmlinge stellen die gewachsene Machtbalance infrage und provozieren dadurch Abwehrreaktion. (2) Die Aus- wirkungen der Außenseiterpositionen werden den Außenseitern als Eigenschaften zugeschrieben und diese dann als Ursachen ihrer Benachteiligung in- terpretiert. In der Folge betrachten die Etablierten ihre Privilegien als gerechtfertigt.
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