Handbuch 5. Auflage
Diskriminierung und Rassismus 317 Strukturelle, gesellschaftspolitische und institutionelle Dimensionen von Diskriminierung und Rassismus Bei Blumer und Elias sind damit bereits zentrale Gesichtspunkte angelegt, die in der neueren Ras- sismusdiskussion und Rechtsextremismusfor- schung erneut entdeckt und bedeutsam geworden sind: Rassismen und andere Formen von Diskriminierung sind soziogenetisch und relational als Moment der gesellschaftsstrukturell verankerten sowie imaginä- ren Beziehungen zwischen imaginären Gruppen zu untersuchen. Die Entstehung bzw. das Relevantwer- den von Annahmen über gruppenkonstituierende Gemeinsamkeiten und Unterschiede ist selbst als ein Bestandteil der sozialen Beziehungen und Prozesse zu analysieren, in denen Machtverhältnisse und so- ziale Ungleichheiten hervorgebracht oder repro- duziert werden. Solche Differenzkonstruktionen schreiben der benachteiligten, unterdrückten oder ausgegrenzten Gruppe besondere, in der Regel nega- tive Eigenschaften zu, die ihre Beherrschung, Be- nachteilung bzw. Ausbeutung – oder aber ihre Aus- grenzung und Dehumanisierung bis hin zur Vernichtung – als gerechtfertigt erscheinen lassen. Differenz kann aber auch – darauf weist insbeson- dere Taguieff (1998) in seiner Charakterisierung des differentialistischen Rassismus hin – nicht-hierar- chisierend im Sinne einer Logik gedacht werden, die „nur“ in einer Vermischung der Unterschiede ein Problem sieht. Die zentralen Beiträge zur neueren Rassismustheo- rie (s. insbesondere Balibar /Wallerstein 1990; Ba- der 1995; Hall 1994; Taguieff 2000; Weiß 2001) nehmen eine dezidiert gesellschaftstheoretische so- wie historische Perspektive ein. Rassismen werden in ihrem Zusammenhang mit weltgesellschaftli- chen und nationalstaatlichen Ungleichheitsverhält- nissen zentral als Ideologien untersucht, die Macht- verhältnisse begründen und legitimieren. Zygmunt Bauman (1992, 1999) hat einen anderen Zusammenhang aufgezeigt: Für moderne Gesell- schaften ist die „Vision einer Ordnung“ in der „je- des Ding seinen rechten Platz hat“ und ein damit einhergehender „Reinheitsgedanke“ kennzeich- nend (Bauman 1999, 15). Zentraler Akteur für die Entwicklung und Durchsetzung einer solchen ra- tionalen Ordnung der Gesellschaft ist der Natio- nalstaat. Für die Herstellung einer nationalen Ge- sellschaftsordnung sind Praktiken bedeutsam, die auf die Anpassung und Eingliederung, oder aber die Ausgrenzung derjenigen Zielen, die vom Ideal einer homogenen Gesellschaft gesetzeskonformer und erwerbstätiger Bürger abweichen, die sich sprachlich und kulturell als Angehörige der Nation begreifen lassen. Antisemitismus, Fremdenfeind- lichkeit und Rassismus, aber auch Armenpolitik sind in Baumans Perspektive Ausdruck des gesell- schaftspolitischen Projektes, die nationalstaatliche Moderne kapitalistischer bzw. realsozialistischer Prägung herzustellen. Eine andere Akzentuierung nehmen Analysen in- stitutioneller Diskriminierung vor. In Anschluss an die us-amerikanische und britische Diskussion über „institutional racism“ (Feagin / Booher-Feagin 1986 und 1998) werden insbesondere solche For- men von Diskriminierung in den Blick genommen, die ohne benachteiligende Absichten zu Stande kommen und weder als direkter Effekt von öko- nomischen Strukturen und rechtlich festgeschrie- benen Benachteiligungen (strukturelle Diskrimi- nierung), noch als Folge von Vorurteilen (intentionale Diskriminierung) verstanden werden können (Gomolla / Radtke 2002, 30 ff.; Gomolla 2005; Hormel / Scherr 2004, 19 ff ). Diskriminie- rung resultiert demnach aus den „ganz normalen“ Arbeitsweisen von Organisationen und den dort eingespielten Deutungsmustern und Entschei- dungsroutinen. Dies ist etwa dann der Fall, wenn im Bildungssystem Schüler oder Studierende mit ungleichen Ausgangsvoraussetzungen als gleiche behandelt werden oder das Wissen über Unterstüt- zungsleistungen durch familiale und verwandt- schaftliche Netzwerke entscheidungsrelevant wird. Pädagogisch und sozialarbeiterisch spezifisch rele- vant ist der Fall der Diskriminierung in guter Ab- sicht : Diese kommt insbesondere immer wieder dann zustande, wenn in Beratungsgesprächen und Entwicklungsdiagnosen problematische soziale Bedingungen als ein Argument dafür verwendet werden, von riskanten schulischen, hochschu- lischen oder beruflichen Aufstiegsprozessen ab- zusehen. In den sog. postkolonialen Studien (insbesondere Edward Said und Gayatri Chakravorty Spivak; s. dazu Castro-Varela /Dhawan 2005) wird über die bisher skizzierten Ansätze hinausgehend – und dies in Bezugnahme auf die Diskurstheorie Michel Foucaults sowie auf Jacques Derrida (Stäheli 2000,
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