Handbuch 5. Auflage

Diversity und Soziale Arbeit 323 schwierig die Abgrenzung sowie die Bestimmung dessen ist, was mit „Diversity“ gemeint ist. Mit dem Begriff „Diversity“ steht der Sozialen Ar- beit jedenfalls ein Konzept zur Verfügung, das ei- nen angemessenen Umgang in und mit gesell- schaftlicher Wirklichkeit in Aussicht stellt. Der aus dem angloamerikanischen Sprachraum stammende Begriff „Diversity“ kann zunächst mit Vielfalt, Heterogenität übersetzt werden. Mit dem Begriff ist eine normative Haltung der grundsätzlichen Bejahung und Würdigung von Unterschiedlichkeit und Diversität verbunden. Im Rahmen des vorlie- genden Beitrags soll Diversity als ein Konzept der Anerkennung von Vielfalt und Differenz vorgestellt und kritisch reflektiert werden. Vor dem Hinter- grund, dass Differenz und Vielfalt in der Sozialen Arbeit lange Zeit ausgeblendet wurden, wird in ei- nem ersten Schritt ein Überblick über diejenigen Impulse gegeben werden, die die Soziale Arbeit zur Thematisierung und Berücksichtigung von Diffe- renzverhältnissen angeregt haben. Deutlich wird bei diesem Rückblick, welche grundlegende Be- deutung Differenz in der Sozialen Arbeit zukommt und auf welchen Ebenen Fragen von Andersheit und Vielfalt eine Rolle spielen. Vor diesem Hinter- grund wird – nach einem Zwischenschritt, der sich der Frage widmet, was wir meinen, wenn wir von Differenz sprechen – Diversity als Konzept vor- gestellt werden, das auf die Anerkennung von un- terschiedlichen Differenzlinien und deren Würdi- gung als Ressourcen abzielt. Welche Grenzen ein solches Konzept als regulatives Prinzip in der Sozia- len Arbeit hat, soll in einem abschließenden Schritt diskutiert werden. Soziale Arbeit und Differenz Soziale Arbeit stellt ein Handlungsfeld dar, das durch historisch und kontextuell wechselnde Fo- kussierungen von Differenz geprägt ist. Trotz dieser wechselnden Fokussierungen innerhalb des wohl- fahrtsstaatlichen Arrangements lassen sich zentrale Thematisierungslinien beschreiben, die das Ver- hältnis von Sozialer Arbeit und Differenz wieder- geben: Zum einen (1) die Thematisierung von Differenz als konstituierendes Merkmal sozialpäd­ agogischer Interventionen mit den Folgen der Re- produktion von Normalität und Andersheit, so- dann (2) die Diskussion um Differenz und Heterogenität als Folge sich pluralisierender Le- benswelten und schließlich (3) die Thematisierung von Differenz als Effekt einer machtvollen Diffe- renzordnung, die zu Ungleichheiten, Homogeni- sierungen und Ausschlüssen führt. Da Diversity eine eher neue Thematisierung von Differenz be- zeichnet, erscheint der Nachvollzug, welche Ver- ständnisse von „Differenz“ und „Andersheit“ in und für die heutige Soziale Arbeit relevant sind und welche Implikationen sich aus den bestehen- den Thematisierungen für die Gestaltung einer an „Diversity“ orientierten Sozialen Arbeit ergeben, von Bedeutung. Differenz als Ausgangspunkt sozialpädagogischer Normalisierungsarbeit „Diversity“ als Ansatz, der die Wirkmächtigkeit von Differenzen hervorhebt und zugleich Möglich- keiten ihrer Anerkennung betont, trifft mit der Sozialen Arbeit auf eine Profession, für die der Be- zug auf Differenz, verstanden als Unterscheidung und Abweichung von einem Normalitätsmuster, konstitutiv ist. Insbesondere Ansätze, die sich seit Ende der 1990er Jahre kritisch mit den normalisie- renden Effekten Sozialer Arbeit auseinandersetzen, heben hervor, dass sich Differenz durch die fachli- che Ein- und Zuordnung von Normalität und Andersheit als unhintergehbarer Ausgangspunkt (sozial)pädagogischer Interventionsmuster erweist (Anhorn et al. 2007; Hahn 2007; Kessl 2005; Kessl / Plößer 2010; Maurer 2001; Mecheril /Mel- ter 2010; Müller 1995). In dieser Lesart ist die Wahrnehmung von Differenz für die Soziale Arbeit mit einigen Dilemmata verknüpft, schließlich geht mit dem Projekt der Sozialen Arbeit auch eine (Re-)Produktion von Normalitätsmustern und Andersheit, wie auch eine Verknüpfung von Diffe- renz mit Bedürftigkeit und Problembehaftetheit einher. So erhält die Soziale Arbeit ihre Legitima- tion nicht zuletzt dadurch, dass Differenz und Andersheit als Aspekte angesehen werden, die es – anders als in Diversity-Ansätzen, die auf die Anerkennung von Differenz abzielen – zu ver- ändern und zu verringern gilt. Die Bearbeitung ei- ner Differenz im Sinne der Korrektur einer Norm- abweichung ist mithin grundlegender Bestandteil des staatlichen Auftrags an die Soziale Arbeit. „So- ziale[r] Arbeit [, die] organisierte Prozesse einer

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